Westerwald-Post Süd AW

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Merkwürdiger Täter oder „reuiger Sünder“?

„Blaulicht-Stories – Erinnerungen an alte Zeiten“ von Bestseller-Autor Jörg Schmitt-Kilian

Jörg Schmitt-Kilian, Hauptkommissar a.D., wirft einen Blick hinter die Kulissen des polizeilichen Alltags, pendelt zwischen wahren Begebenheiten und der „Freiheit schriftstellerischer Ausschmückung“ und erinnert an eine Zeit, in der nicht alles besser, aber vieles „anders“ war.

In einer ruhigen Stunde des Nachtdienstes auf der Kriminalwache berichtete der Kollege Kensbock unserem Protagonisten KOM Andreas Müller von einem Einbruch in ein Pfarrhaus und legte als Beweismittel die Originalvernehmung des Täters vor.

„Ich suchte eine Unterkunft für die Nacht. Dies gelang mir nicht und ich wollte den Dorfpfarrer nach einer Unterkunft fragen. Als auf Klingeln niemand öffnete sah ich im ersten Stock ein angelehntes Fenster. Mit einer Leiter aus dem Stall stieg ich in das Haus ein. Ich hatte Hunger und im Pfarrhaus waren enorme Essensvorräte. Küche und Keller luden zu einer christlichen Gastfreundlichkeit ein. Ich bereitete mir ein schmackhaftes Mahl und handelte nach dem Motto „Klopfet an und euch wird aufgetan!“ Getreu der christlichen Weisheit „Geben ist seliger denn nehmen“ entleerte ich zu dem von mir vorbereiteten Mahl zwei Pikkolo, eine halbe Flasche Martini, diverse Schnäpse sowie zwei Flaschen Bier. Da „meine musische Seele nach entsprechender Entspannung lechzte“, umrahmte ich mein Mahl mit musikalischen Genüssen aus der Stereoanlage des Herrn Pfarrer.

Da außer mir niemand anwesend war fühlte ich mich für die Wertgegenstände des Herrn Pfarrer voll verantwortlich. Diese fand ich nur, weil ich nach einem Kopfschmerzmittel suchte. Ich lege die Wertgegenstände auf den Nachttisch und mich selbst in das Bett, doch nicht bevor ich mir den Schlafanzug des Herrn Pfarrer anzog, den ich auch jetzt noch in christlichem Gedanken unter meinem Anzug trage. Ich hörte noch eine Weile Nachrichten und gedämpfte Musik, denen ich entnahm, daß es nun an der Zeit sei, ein korrektes Verhalten an den Tag zu legen, worauf ich friedlich einschlummerte, jedoch nicht ohne ein Abendgebet, um den göttlichen Schutz zu erbitten. In das Gebet schloß ich die Hoffnung und zugleich die Bitte ein, daß der Pfarrer nicht vor 10 Uhr am nächsten Morgen erscheinen möge. Da ich telepathisch über Satellit mit Sartago (Wildwest) in Verbindung stand, träumte ich von einer zärtlichen Nacht in Mexico. (Anmerkung der Beamten: Herr Gillo führte nach eigenen Angaben hierzu ein langes Telefongespräch mit einem Teilnehmer in Amerika.)

Aus diesen Träumen wurde ich jäh gerissen, als zwei Polizeibeamte, die ich zunächst als Skatfreunde aus Köln zu erkennen glaubte, an meinem Nachtlager auftauchten. Und was dann kam ging Schlag auf Schlag, wobei ich einen Schneidezahn einbüßte. Getreu dem christlichen Gebot „Wer dich auf die Linke schlägt dem halte auch die Rechte hin“ versuchte ich einen friedlichen Eindruck zu erwecken, denn „die Obrigkeit ist von Gott“ und wer sie liebt, der hat es gut.

Durch den genossenen Alkohol torkelte ich nämlich auf einen der Beamten zu, der wiederum den Eindruck gehabt haben muß, ich wolle ihn im Karatestil überfallen. Trotz heftiger Gegenwehr blieb es mir nicht erspart, für einige Stunden im Polizeigewahrsam als Gegenleistung mit dem Bett des Pfarrers zu tauschen. Nach ein paar Stunden war sowohl meine Schlaftrunkenheit als auch meine Benommenheit gewichen, sodaß ich mich bei den Polizisten für mein Verhalten entschuldigen konnte. Freundlich, mit dem Ansinnen, die Polizeifahrzeuge zu putzen, verließ ich dann die Dienststelle.

Ich unterschreibe die Vernehmung in Würdigung der Gesetze freundlichst und mit „Lob und Anerkennung“.

Eberhard Gillo

Für Müller erneut der Beweis, dass die Vernehmung niemals die schriftstellerischen Fähigkeiten des Beamten, sondern die Sprache des Täters spiegeln soll, damit dessen Aussage auch vor Gericht nachvollzogen werden kann. In diesem Fall schien das besonders wichtig und zur Überraschung der damals eingesetzten Beamten brachte sich der Täter 21 Jahre später noch einmal mit einer Postkarte in Erinnerung. Er wollte den Kontakt einfach nicht „abreißen“ lassen.

Foto: Kensbock

Westerwald-Post Süd AW vom Samstag, 3. September 2022, Seite 10 (19 Views)

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