Bad Camberg AW

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Als die Synagogen brannten

Von ev. Pfarrer und Dekan Manfred Pollex

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 tobte in Deutschland der antisemitische Mob. Hakenkreuze wurden an Türen und Fenster jüdischer Nachbarn geschmiert. Glas ging zu Bruch, jüdische Mitmenschen wurden verprügelt, ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Viele jüdische Gotteshäuser wurden durch Brandstifter angezündet. Als die Synagogen brannten, bedeutete dies eine Entfesselung des Antisemitismus in offenen Hass. Spätestens seit dieser Nacht konnte sich in Deutschland kein jüdischer Mitmensch mehr sicher fühlen. Drei Jahre später ein neues Gesetz: Alle Juden, die älter als sechs Jahre waren, mussten einen gelben Stern an ihrer Kleidung tragen. Der sogenannte Judenstern sollte der Schikane dienen. Aber eigentlich ist er ein altes religiöses Symbol des Judentums, das ab 1897 das Zeichen des Zionismus wurde. Es stellt keinen Stern dar, sondern einen Schild, den „magen dawid“, wie die hebräische Bezeichnung für den Schild des Königs David heißt. Dass ausgerechnet der Davidstern zum Schmähzeichen aller verfolgten Juden gemacht wurde, bedeutete auch eine Verhöhnung Gottes. Dass der Gott der Juden auch der Gott der Christen ist, wollten damals nur zu wenige begreifen.

Und Gott lässt sich das gefallen? In der Theologie nach Auschwitz wird die Frage gestellt, wie nach all dem Unsäglichen überhaupt noch angemessen von Gott geredet werden kann. Es ist ein Gott, der mit seinem Volk in die Gaskammern geht, ein Gott, der alle unsäglichen Quälereien, sogar die systematische Ausrottung seines Volkes scheinbar ohnmächtig mit erduldet und erleidet. Viele Menschen haben damals und später ihren Glauben an diesen Gott verloren. Andere haben ihn darin gefunden, dass Gott mit den Schwachen und Gefolterten in die tiefsten Tiefen menschlichen Leides mitgeht. So ist der gelbe Schild Davids, gegen alle faschistische Absicht, das Zeichen für den Gott, der seinem Volk besonders im Leid und im Tod nahe ist.

Bad Camberg AW vom Samstag, 7. November 2020, Seite 2 (1 View)

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