Westerwald-Post Süd AW

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Ein Leben in und mit der Schule – Teil 8

Wolf-Dieter Endlein blickt auf seine Erfahrungen als Schüler und Lehrer zurück

-von Wolf-Dieter Endlein-

KREIS. Die folgenden Ausführungen erheben nicht den Anspruch einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Schulsystem der Jahre 1945 bis 1999. Ich möchte lediglich meine ganz persönlichen Erfahrungen als Schüler der Volksschule, des Gymnasiums, sowie als Lehrer und Leiter zweier Gymnasien erzählen.

Herr Eidt hatte für die Leichtathletik viel Verständnis, dem Fußball war er nicht sehr zugetan. Wir hatten, die große Leidenschaft, zu jeder passenden Gelegenheit allem Möglichen nachzurennen, was wir als Fußball ansahen – abgelegte Tennisbälle, mit Stoff umhülltes Sägemehl, sogar Schweinsblasen mussten herhalten – und das sowohl vor Beginn des Unterrichts als auch in den Pausen. Wie wir das organisierten: Bildung der Mannschaften, spezielle Regeln für die besonderen Gegebenheiten usw.

Wir besaßen weder Fußballschuhe noch irgendeinen Ersatz dafür. Die genagelten Werktagsschuhe mussten herhalten. Ohne Rücksicht auf Verluste wurde gegen alles getreten, was wir für das so sehr geliebte Spielgerät hielten. Entsprechend hart gingen wir auch mit unseren Gegnern um. Es gab blaue Flecken und blutige Schienbeine, doch das hielt uns keineswegs zurück. Ein Sieg über den Gegner war wichtiger. Herr Eidt konnte das nicht verhindern. doch eines konnte er und tat es aus verantwortungsbewusst: Er kontrollierte nach jeder Pause unsere Nagelschuhe, und wehe, sie waren beschädigt oder ließen vermissen Nägel – dann gab es Ohrfeigen und deftige Schimpfworte: „Nur noch Fußball habt ihr im Kopf, sonst nichts, ihr Olpel.“

Ganz besonders „liebte“ er in dieser Beziehung den Manfred, die „Luetsche“-Zwillinge und den Henne. Manfred kam des Morgens durch das enge Schultor und warf dabei regelmäßig seine lange Haarsträhne mit einem Ruck des Kopfes aus dem Gesicht. Herrn Eidts Kommentar von der hohen Treppe des Schulhauses herunter: „Der köpft mal wieder, sonst kann der nichts.“ Und zu den Zwillingen meinte er: „Da kommt der alte Henne, legt dem Lothar den Ball hin, der tritt dagegen und der Erich schreit dann ‚Tooor, Tooor‘ – so ein Blödsinn.“

Als er mich zur Aufnahmeprüfung für das Gymnasium vorbereitete, ermahnte er mich des Öfteren: „Dieter, du verrennst mit dem Fußball noch deinen ganzen Verstand, du hast doch noch etwas anders im Kopf als den blöden Fußball.“

Das Interesse der Schüler weckte

Bei unseren Aktivitäten fielen etliche „normale“ Unterrichtsstunden aus. Auch nachmittags wurde „gearbeitet“, das hat unserem Eifer keinen Abbruch getan. Unser Lehrer hat auf seine Art bewiesen, wie man junge Menschen zu praktischem Tun motivieren kann.

Ein weiteres Beispiel gab er zu Beginn der 50er Jahre: Wir hatten bei ihm schriftliches Rechnen schon gelernt. Es war viel von Raketen die Rede, mit denen die Sowjetunion und die USA sich gegenseitig bedrohten, wie weit sie fliegen und welche Geschwindigkeit sie erreichen könnten. Das interessierte vor allem die Jungen. Im Westerwald gab es gegen Ende des Krieges einige Abschussrampen für die V1, die sogenannte „Vergeltungswaffe“ – eine Rakete, die dem längst verlorenen Krieg noch eine Wende geben sollte. Wir hatten diese „Wunderwaffe“ über unsere Köpfe rauschen gesehen und uns an ihrem Feuerstrahl und der Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegte, begeistert, ohne zu wissen, was das bedeutete. Darüber kamen wir mit Herrn Eidt ins Gespräch. Der reagierte umgehend und verkündete, eines Tages gäbe es Raketen, die zum Mond fliegen, das sei nur eine Frage der Zeit und des Treibstoffs. Unsere Neugier wuchs und unser Lehrer begab sich an die Tafel, erarbeitete mit uns die Entfernung des Mondes von der Erde, und gab uns folgende Rechenaufgabe: Ein D-Zug erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km in der Stunde. Wie lange würde er brauchen, bis er die mehr als 300 000 km geschafft hätte, und wie lange würde das erste deutsche Düsenflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg, die Me 109, die eine Geschwindigkeit von etwa 700 km/h erreichte, dazu benötigen?

Mit Begeisterung gingen wir an die Aufgabe. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich sie richtig gelöst habe, bin aber sicher in meinem heutigen Urteil: Hier hat der Lehrer mal wieder die Motivation seiner Schüler meisterhaft geweckt.

Herr Eidt hatte auch eine andere Seite, die nicht verschwiegen werden sollte, obgleich die Art und Weise, wie er Vergehen seiner Schüler ahndete, damals nicht so schwer gewichtet wurde, wie das heute der Fall wäre.

Gottesdienste mit Konsequenzen

Die Meudter Volksschüler mussten neben dem Sonntags, die beiden Schulgottesdienste dienstags und freitags besuchen. Ihre Anwesenheit in den für sie eingerichteten Bänkchen vorn in der Kirche, unmittelbar vor dem Altar, wurde streng überwacht. Mädchen und Buben saßen getrennt – die Buben auf der rechten Seite, die Mädchen auf der linken. Ebenso selbstverständlich wie die Schüler, waren auch die Lehrer anwesend. Sie hatten ihren Platz ganz vorne in der ersten Bankreihe direkt hinter ihren Schülern als drohende Aufsicht, auch hier dem jeweiligen Geschlecht zugeordnet. Das Fräulein hinter den Mädchen, der Leiter der Oberstufe hinter den Buben. Die beiden Lehrer führten die Aufsicht über ein „munteres Völkchen“ – die Mädchen waren meist weniger in Bewegung, schwatzten dafür aber auch recht viel. Wenn es zu arg wurde, griffen die Aufsichtspersonen auch „tätlich“ ein. War der Gottesdienst zu Ende und der Pfarrer, der sich ebenfalls zur Einhaltung der Ordnung in diesen Reihen verpflichtet fühlte, kam nicht mehr aus der Sakristei heraus, um seinerseits Mahnungen und „handfeste“ Strafen zu erteilen, dann sorgten die Lehrer für einen geregelten Abgang.

Die Buben mussten nach Bankreihen geordnet zwei und zwei auf den Gang heraustreten und dann auf Zeichen des Lehrers die Kirche verlassen. Für die Mädchen galt das Gleiche.

Lehrer E. nahm an den Schulgottesdiensten nicht teil, aber beim Sonntagsgottesdienst befand er sich auf der Orgelbühne, vom Innenraum der Kirche kaum zu erkennen in der zweiten oder dritten Reihe. Von dort beobachtete er das Geschehen in den vorderen Reihen der Kirche sehr genau. Zu welchem Ergebnis er dabei kam, das konnten wir in der Bibelstunde am Montag auf mancherlei Art erleben. Gespannt waren wir schon vor der ersten Stunde und versuchten, vorherzusehen, was da kommen sollte. Trug er seine rote Krawatte, lagen seine dürftigen Haarbüschel geordnet zur Seite oder wild auf seinem Schädel? War Letzteres der Fall dann ließ das zusammen mit dem roten Schlips Schlimmes erahnen. Und meistens kam es dann auch so:

Die erste Stunde verlief noch in stillen Bahnen, und dann kam die zweite: Herr E. stellte sich vor die Klasse, man sah ihm an, dass er innerlich „kochte“. Zwei oder drei Namen wurden aufgerufen, diese Schüler hatten vor die Klasse zu treten mit dem Gesicht zu ihren Mitschülern. Dann wurden ihre „Vergehen“ benannt: der eine hatte ununterbrochen geschwätzt, der andere sich während des gesamten Gottesdienstes herumgedreht und nach hinten geschaut, ein dritter hatte den Nachbarn so heftig „geschubst“, dass dieser aus der Bank in den Mittelgang fiel. Nach weiterer heftiger Ansprache, bei der öfters die Anrede „Olpel“ ( Dummkopf, Tölpel, Flegel) fiel, wurden sie der Reihe nach am Genick gepackt, nach vorne über die erste Bank gebeugt und mit dem Zeigestock, den ein angepasster Schüler seinem Lehrer geschnitten hatte, (wofür er von den „normalen“ Buben gehörig verachtet wurde) gab es ein paar deftige Schläge auf den Hintern. Vor dieser Strafe war im Laufe eines Jahres keiner gefeit und ebenso hat keiner der tapferen Gesellen dabei auch nur einen Laut des Schmerzes von sich gegeben. Ich hätte mir auch lieber auf die Zunge gebissen, als zu jammern, denn auch ich musste mich schon mal dieser Prozedur unterwerfen.

Westerwald-Post Süd AW vom Freitag, 2. Oktober 2020, Seite 3 (13 Views)

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