Westerwald-Post Süd AW

Wählen Sie hier das Datum aus, um sich eine Ausgabe von LokalAnzeiger oder AM WOCHENENDE anzusehen

Das E-Paper-Archiv von LokalAnzeiger und AM WOCHENENDE

Wählen Sie hier die Ausgabe, die Sie gerne lesen möchten und bestimmen Sie den Erscheinungstag. Oder stöbern Sie einfach in der Übersicht. Viel Spaß!

 

Von Eulenfischen über Helden und Legenden zur Veranstaltungsplattform

„Denkbares“ kann auf einen erfolgreichen Kultursommer zurückblicken

-von Birgit Piehler-

REGION. In der Region hat sich die Veranstaltungsplattform „Denkbares“ bereits einen Namen unter Jenen gemacht, die sich gerne näher mit Themen – ungewöhnlichen und solchen, die uns grundsätzlich beschäftigen, Kunst und Kultur – verknüpfen. „Denkbares“ lädt regelmäßig zu Begegnungen ein. In einem breit gefächerten Programm bieten die beiden Gründer Martin Ramb und Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski (Hochschule Vallendar PTHV), auch als Kooperationspartner, Projekte oder Veranstaltungen an.

„Denkbares“, beschrieb sich anfangs zunächst selbst als „literarisch-philosophischen Wandersalon“, entwickelte sich jedoch offener und breiter, um unterschiedlich interessierte Menschen zu erreichen und zu verbinden. Der 2015 zunächst aus eigenem Interesse heraus gegründete gemeinnützigen Veranstalter-Gemeinschaft ist es mit ihrer engagierten Arbeit gelungen, zunehmend das Interesse eines wachsenden Publikums in der Region zu gewinnen. Sie präsentiert heute publikumsnahe Künstler und Veranstaltungen im Bereich von Literatur, Philosophie, Kunst, Musik. In verschiedenen Lokalitäten der Region organisiert sie mit Herzblut Abende wie den Karl- Valentin- Abend, Autorenlesungen, Künstlergespräche im Rahmen von Ausstellungen und Vieles mehr. „Die Veranstaltungen sollen weit gefächert sein“, erklärt Martin Ramb, um viele Menschen zu interessieren, miteinander ins Gespräch zu bringen oder auch zur Diskussion über Klassisches und Modernes zu bewegen.

Nachdem „Denkbares“ in diesem Jahr eine Reihe von Veranstaltungen im Rahmen des Kultursommers 2019 mit dem Thema „Heimat“ erfolgreich aufgestellt hat, ziehen Martin Ramb und Prof. Dr. Dr. Zaborowski in einem Interview mit AM WOCHENENDE ein kleines Resümee, rückblickend auf die ersten Jahre von „Denkbares.

AM WOCHENENDE: Martin Ramb, wie und wann fing alles an, wie entstand die Idee mit „Denkbares“ und wie sind Sie mit Holger zusammengetroffen?

Ramb: Unsere Veranstaltungsreihe „Denkbares“ hatte ihren Gründungsort in einem Koblenzer Restaurant, das war im Jahr 2015. Wir hatten die Idee, in einem zwangslosen Rahmen, bei einem Glas Wein oder Bier über wichtige Fragen aus Gesellschaft und Kultur mit interessierten Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Resonanz war so gut, dass wir dann später mit „Denkbares“ auch an andere Orte in Koblenz, im Westerwald und an der Lahn gegangen sind. „Denkbares“ hatte von Anfang an das Ziel, nicht elitär zu sein, auch kein philosophischer Salon oder kein philosophisches Café, sondern ein Forum der Begegnung mit Menschen, Büchern und Themen in einer zwanglos-geselligen Atmosphäre.

AM WOCHENENDE: Welches waren Ihre ersten Projekte?

Ramb: Der Begleitband zum Kultursommer 2015, den Holger und ich herausgegeben hatten, trug das schöne Motto „Helden und Legenden“. Wir haben an verschiedenen Orten in Rheinland-Pfalz, in Worms im Nibelungenmuseum, im Karl Marx Haus in Trier oder in der Zisterzienserabtei Marienstatt und an vielen weiteren Orten über die Zeitgemäßheit von Helden nachgedacht. Damals war das Thema noch nicht so präsent wie es jetzt wieder durch Greta Thunberg oder Carola Rackete und andere geworden ist. Aber schon seinerzeit hatten wir viele sehr interessante Gespräche an den verschiedenen Orten mit dem Publikum. Denn zu Heldinnen und Helden hat eigentlich jeder etwas zu sagen, weil es um den Kern unseres Menschseins geht, um Ideale, um die Frage, wozu und wofür es sich eigentlich lohnt zu leben.

AM WOCHENENDE: Erzählen Sie etwas über die Herausgabe des „Eulenfisch“. Was wird – thematisch – in ihm veröffentlicht?

Ramb: Das Magazin Eulenfisch ist das Bildungs- Kulturmagazin des Bistums Limburg. Das Magazin gibt es mittlerweile schon elf Jahre. Die neueste Ausgabe handelt von „Heimat“ und nimmt damit das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz auf, der bewusst Heimat im Plural setzt, da es ja nicht nur eine Heimat gibt. Die nächste Ausgabe hat das Thema „Widerstand und Demut“ und erscheint im Dezember. Der Pallottinerpater Richard Henkes wird ein Schwerpunkt der Ausgabe sein. Pater Henkes wurde am 15. September seliggesprochen. Er gilt als Märtyrer der Barmherzigkeit, der im KZ Dachau freiwillig Typhuskranke gepflegt hat und sich dabei tödlich angesteckte.

AM WOCHENENDE: Sie entstammen beruflich beide aus dem kirchlichem Bereich. Wie prägt das Ihre Arbeit? Was möchten Sie transportieren? Wie gehen Sie mit dem zunehmenden Auseinanderklaffen der Gesellschaft bzgl der Religiosität um?

Ramb und Zaborowski: „Denkbares“ ist kein im engeren Sinne religiöses Angebot, aber ein Angebot für Menschen — und daher auch von der christlichen Botschaft inspiriert, ein Ort, um zur Ruhe und zum Nach-denken zu kommen, für Fragen, die im hektischen Alltag nicht gestellt, geschweige denn behandelt werden. Es liegt zur Zeit viel in der Luft, und die Kunst besteht darin, sensibel zu sein für die Fragen der Menschen und der Zeit. Uns ist es wichtig, in den derzeitigen unübersichtlichen Verhältnissen durch Gespräche und gemeinsames Nachdenken Orientierung anzubieten und die Dinge ein wenig zu sortieren, indem man einmal Abstand zu den Dingen nimmt und nachdenkt. Zur Zeit gibt es die gefährliche Tendenz, nur noch von Extremen her zu denken und dabei die Mitte zu verlieren. Wenn es uns gelingt, eine gewisse Gelassenheit im Umgang zu vermitteln, dann haben wir schon eine Menge erreicht.

Am WOCHENENDE: Sie wollen also nicht missionieren. Das merkt man, wenn man Ihren Veranstaltungen folgt. Was jedoch ist Ihre Botschaft? Wen möchtet Sie erreichen und ansprechen?

Ramb und Zaborowski: Wir werben für die besseren Argumente! Der Titel unserer Veranstaltungsreihe, „Denkbares“, erklärt eigentlich sehr schön, um was es uns geht. Wir wollen über Gott und die Welt nachdenken und das nicht nur im kleinen Kreis, sondern mit vielen Menschen mit verschiedenen Hintergründen, um in der Begegnung uns und unsere Welt besser zu verstehen. Gerne würden wir stärker jüngere Menschen erreichen, was aber nicht so ganz einfach ist. Wir kommen auch gerne an Schulen, um mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Leider machen wir oft die Erfahrung, dass die persönliche Begegnung mit Schriftstellern, Philosophen oder Theologen nicht mehr unbedingt den Wert besitzt, der ihr eigentlich zusteht. Dabei ist die reale Begegnung mit konkreten Menschen durch kein technisches Medium zu ersetzen. Man erlebt unwiederholbare Momente. Wie ein Mensch ist, weiß man nur, wenn man ihm persönlich begegnet ist. Ein YouTube-Clip ist da nur ein billiger Ersatz. Wenn wir also einen Wunsch hätten, würden wir gerne mehr jüngeres Publikum um uns haben.

AM WOCHENENDE: Sie arbeitet bei „Denkbares“ mit den Stichworten „Kulturell, Künstlerisch, Philosophisch“. Wo liegt Ihr Schwerpunkt?

Ramb und Zaborowski: Uns geht es um die Begegnung der Künste. Von daher haben wir eigentlich keinen wirklichen Schwerpunkt: die Sachen stehen in einer Verbindung, in einem Dialog und nicht in einem Über- oder Unterverhältnis.

AM WOCHENENDE: Haben Sie beide unterschiedliche Aufgabenbereiche bei der Arbeit für „Denkbares“? Wie unterschiedlich sind Ihre Inspirationen? Ergänzen Sie sich oder sind sie sich Gegengewicht bzw. Diskussionspartner?

Ramb: Holger ist der Philosoph und Hochschullehrer, ich bin Theologe und Kulturmanager im Rahmen des rheinland-pfälzischen Kultursommers. Wir ergänzen uns prima gegenseitig, es besteht zwischen uns eine große Übereinkunft.

AM WOCHENENDE: Wie finanziert sich Ihre Plattform?

Ramb und Zaborowski: Das Format „Denkbares“ wird durch den Kultursommer Rheinland-Pfalz unterstützt und über zahlreiche Sponsoren.

AM WOCHENENDE: Stichwort Themenkomplex „Heimat“ in diesem Jahr. U.a. waren Sie beteiligt an der Fotoausstellung im Montabaurer b 05. Der Künstler Karl Willems berichtete, Sie hätten sich sehr um seine Bilder in der Ausstellung bemüht. Was lag Ihnen daran? Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Ramb: Zu Karl Willems verbindet uns eine langjährige Beziehung. Er ist ein Ausnahmekünstler, der in der Nähe von Konz unweit der Mosel lebt, in einem Winzerhaus, das sein lebendiges Museum ist. Er lebt mit seinen Bildern, die überwiegend sein Haus und die Gegenstände dort drin thematisieren. Karl Willems lebt dort fast eine mönchische Existenz, freiwillig sehr bescheiden, für die meisten Menschen sicherlich ärmlich, aber ihm fehlt nichts zum Glücklichsein. Es ist sein unverwechselbares Leben. Er hat uns viel zu sagen. Karl Williams lebt und malt quasi nur in einem Zimmer, das von einem Kohleofen beheizt wird. Er verweigert sich dem hektischen und übertreten Kunstmarkt konsequent, hat auch keinen Galeristen mehr, was erklärt, dass seine Bekanntheit nicht sonderlich groß ist. Umso mehr freuen wir uns, dass wir in b 05 eine große Werkschau von Karl Willems zeigen konnten. Es lohnt sich sehr, seine Malerei näher kennenzulernen.

AM WOCHENENDE: Welches ist/ war Ihr Lieblingsprojekt? Welches Ihr besonderster, eindrucksvollster Gast?

Ramb und Zaborowski: Solche Rangordnungsfragen zu beantworten, ist immer schwierig. Freude haben wir eigentlich an allen unseren Projekten. Mit dem Begleitband „Heimat Europa?“ haben wir allerdings eine große Tür, nämlich die europäische, aufgestoßen. Wir haben vor, in den nächsten vier bis fünf Jahren die Frage der europäischen Identität zu vertiefen. Geplant ist auch wieder eine Sommerakademie, die wir zum ersten Mal in Salzburg im Juli angeboten hatten. 2020 werden wir in Güstrow bei Rostock eine weitere Sommerakademie zum Thema Solidarität in Europa anbieten. Hieran arbeiten wir bereits mit Hochdruck. Ein sicher besonderer Gast war vor einigen Jahren der Erzbischof von Luxemburg Jean-Claude Hollerich. Er wurde kürzlich von Papst Franziskus zum Kardinal ernannt und ist der Vorsitzende der europäischen Bischofskonferenz. In unserem letzten Buch hat er einen schönen Aufsatz darüber geschrieben, warum für ihn Europa auch Heimat sein kann.

AM WOCHENENDE: Welche Projekte stehen als nächstes an?

Ramb und Zaborowski: Oh, wir möchten eine neue Buchreihe herausgeben „Europa neu denken“, in der große europäische Reden neu kommentiert werden. Wir brauchen einfach wieder mehr Leidenschaft für die europäische Sache angesichts der vielen separatistischen, extremistischen und nationalistischen Bestrebungen in Europa, die den langjährigen Frieden auf diesem wunderschönen Kontinent bedrohen.

Westerwald-Post Süd AW vom Samstag, 9. November 2019, Seite 5 (34 Views)

ZURÜCK ZUR SEITE

 

<   November   >
Mo Di Mi Do Fr Sa So
        1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30