Westerwald-Post Süd AW

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Kommunikation mit Kowelenzer Altstädtern „off der Gass“

Die AM WOCHENENDE-Serie von Bestseller-Autor Jörg Schmitt-Kilian

In unserer AM WOCHENENDE-Serie „Blaulicht-Stories“ wirft Jörg Schmitt-Kilian (siehe auch: Der Autor) exklusiv einen Blick hinter die Kulissen des polizeilichen Alltags und erinnert sich an lustige Begegnungen und historische Ereignisse. Dabei pendelt er geschickt zwischen der Realität des polizeilichen Alltags und „schriftstellerischer Ausschmückung“ und beschreibt mit viel Empathie die Gefühlswelten von Frauen und Männern im Polizeidienst.

Die Bewohner der Altstadt sprachen die „Butze“ nicht nur am offenen Fenster des 1. Polizeireviers an, sondern führten bei jeder sich bietenden Gelegenheit Gespräche mit den Bezirksbeamten – auch Kontaktbereichs-„Butze“ genannt. Diese sollten ja auch „nah bei de Leut“ arbeiten – unter dem Kommando des Dienstellenleiters Heinz Heger, der beste Vorgesetzte den Andreas Müller in seiner gesamten polizeilichen Laufbahn kennengelernt hatte.

Einige Bürger kommunizierten dabei je nach Erregungszustand mit Händen und Füssen. Manche Altstädter stupsten ihren Gesprächspartner mit dem Finger mehrfach auf die uniformierte Brust, denn sie wollten sich vergewissern ob der „Butze“ auch aufmerksam zuhört.

Einer neigte den Kopf zur Seite, wenn er (mal wieder) etwas „streng vertraulich“ mitzuteilen hatte und deutete mit einem Fingerzeig an, der „Butze“ möge sein Ohr näher an seinen Mund führen. Er beendete die vertrauliche Mitteilung mit dem Satz „Dat bleiwt ower unner uns“, spuckte in die Finger und hob die Hand zum Schwur. Am nächsten Tag war die Information (Alt-)Stadtgespräch, denn der Altstädter hatte dieses Geheimnis auch einigen guten Freunden verraten.

Wenn ein Altstädter mit drohendem Gesichtsausdruck den Mittelfinger direkt vor der Nase des Ordnungshüters tanzen ließ, war dies meist keine ernsthafte Bedrohung. Der für neutrale Betrachter „Gefährliche“ wusste genau, welcher „Butze“ diese Haltung „nicht ernst nahm“. Aber wenn ein entsprechendes Publikum vorhanden war, konnte man „den Grellen machen“ und sich entsprechend präsentieren. Der „Butze“ blieb cool (würde man heute sagen), quittierte das „Rumgehampele“ meist mit einem mitleidigen Lächeln und so war „der Grelle“ sich der Bewunderung des Zaunpublikums gewiss.

Wenn jemand den Zeigefinger wie ein Pendel hin und her bewegte und den Kopf schüttelte, brachte er damit zum Ausdruck, dass der „Butze“ keine Ahnung von dem angesprochenen Sachverhalt hat. Wurde der ausgestreckte Zeigefinger nur kurz auf die Brust des „Butze“ getippt, war das ein stilles Lob für die richtige Einstellung des Gegenübers zu dem geschilderten Sachverhalt. Dieses Lob wurde oft mit dem Satz „Do hast de Rächt“ nochmals verstärkt.

Das Tempo üblicher Gespräche steigerte sich meist dann, wenn man sich ungerecht behandelt oder ertappt fühlte. In diesen Fällen schnaufte das polizeiliche Gegenüber entrüstet und wusste manchmal nicht, wie er/sie das Gespräch beenden und wieder aus der Sache rauskommen konnte. Um Wilhelm Busch an dieser Stelle zu zitieren: Die Entrüstung ist ein erregter Zustand der Seele, der meist dann eintritt, wenn man erwischt wird.

Ein gesundes Misstrauen war bei denen angebracht, die „Butze“ schon mal gelinkt hatten. Einige konnten sich stundenlang beklagen, wie dreckig es an manchen Stellen in der Altstadt aussehe, aber ihr Interesse an einer sauberen Altstadt ging wieder nicht so weit, dass sie den Müll entsorgten, der sich vor ihrer Haustür stapelte. Dabei sagt man doch: „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür!“

Westerwald-Post Süd AW vom Samstag, 2. November 2019, Seite 4 (24 Views)

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