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Gefühl und Erfahrung: Geigenbau wie vor 300 Jahren

Faszination, die sich hören lässt: Marco Schultz und sein klangvoller Beruf bilden einen Gegenpol zu hoch technisierten Handwerkskünsten

KALENBORN. -kat- Wer Marco Schultz' Werkstatt im Dachgeschoss der ehemaligen Kalenborner Schule betritt, der fühlt sich unweigerlich um Jahrzehnte zurück versetzt. Überall liegen Holzscheite, hängen Geigenstege und sind alte wie neue Instrumente aufgereiht. An der Wand hängen, fein säuberlich sortiert, Ausstecheisen, Feilen und Hobel. Einzig moderne Errungenschaften wie das elektrische Licht oder auch ein Föhn sind Boten der Neuzeit.

Natürlich gibt es inzwischen Geigen, die zum Großteil am Computer konzipiert und mithilfe von Maschinen gefertigt werden. Diese Art von Instrumentenbau sucht man in Kalenborn jedoch vergeblich. Hier ist alles noch 100 Prozent Handarbeit. Vom Spalten des Holzes bis zum ersten Anspielen des Instrumentes liegt alles in den Händen des Erbauers. Es gibt kein Computerprogramm, das ihm vorgibt, wie dünn der Korpus ausgefräst oder bis zu welchem Grad gebogen werden muss. Einziger Maßstab: Die Kombination aus gutem Gehör, dem Gefühl für den Werkstoff und jede Menge Erfahrung. „Jedes Holz ist anders“, sagt der Handwerksmeister. Und genau das mache die Faszination aus.

Sich als angehender Physiker auf Erfahrungswerte und nicht auf die reine Wissenschaft zu verlassen, das fiel Schultz anfänglich schwer. Dennoch vertiefte er sich immer mehr in das Thema. Seine ersten selbst gebauten Instrumente zu Studentenzeiten waren Gitarren. Das Wissen darum hatte er sich angelesen oder bei Gitarrenbauern abgeschaut. Irgendwann habe einer von ihnen gemeint: Wenn er mehr lernen wolle, müsse er zu den Geigenbauern gehen.

Diesen Rat setzte Schultz nach seinem Physikstudium in die Tat um. Bei einem Geigen- und Gambenbauer in Niederbayern begann er eine Ausbildung und verbrachte dort auch den größten Teil seiner Gesellenzeit. Zusätzliche Erfahrungen sammelte er in Irland, bis er sich schließlich in Heiligenberg, einem kleinen Ort in Niederbayern, mit zwei Kollegen selbstständig machte. Dort spezialisierte er sich unter anderem auf die Restauration von Barockinstrumenten. Der Trend geht dahin, Geigen und Celli wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen, nachdem viele von ihnen in den Jahrhunderten zuvor (hauptsächlich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20.) modernisiert worden waren .

Leidenschaft eines jeden Geigenbauers, sagt Schultz, sei natürlich der Instrumentenneubau. Doch das Gros der Aufträge mache die Reparatur und Restauration aus. „Geigen haben eine nahezu unbegrenzte Lebensdauer“, so der Geigenbauer. Doch auch dazu brauche es viel Erfahrung. Bei schlechter Arbeit könnten Dinge „unwiederbringlich versaut werden“. Bei gewissenhafter Ausführung könne aber auch ein noch besseres Klangergebnis aus den alten Instrumenten herausgeholt werden.

Unzählige Prachtstücke hat Schultz im Laufe der vergangenen Jahrzehnte schon vor dem Verstummen gerettet. Darunter kleine Berühmtheiten wie eine Bassgambe des bayrischen Geigenbauers Paul Alletsee. Oder auch einen Kontrabass, der nach der Umstellung der Klimaanlage im Konzertsaal über ein Dutzend Risse aufwies, sowie einen weiteren, der aus einem fahrenden Auto gefallen und in etliche Einzelteile zerbrochen war, von denen sogar eines fehlte und ergänzt werden musste. Seit 2005 hat er seinen Lebensmittelpunkt in Kalenborn gefunden. Auf der Suche nach einem geeigneten Haus für sich und seine Familie landete er in der kleinen Eifelgemeinde. Seine Kunden kommen nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern sind über ganz Deutschland verteilt. Neben kleinen Reparaturen oder auch größeren Restaurationen bietet er vor allem den Neubau von Einzelanfertigungen aus dem Barockbereich an – ein persönliches Faible von ihm. „Ich mag Barockmusik“, gesteht der Wahleifeler. Wenngleich er auch in vielen anderen Musikrichtungen den Klang und die Melodie genießen könne. Das reiche bis hin zu Punk- und Heavy Metal-Musik.

Besonders gerne lauscht er jedoch, wenn seine Tochter Chiara zum Cello greift. Zusammen mit ihr hat er eine Zeit lang Unterricht genommen. Die 14-Jährige spielt mit Begeisterung und hat inzwischen schon bei mehreren „Jugend musiziert“-Wettbewerben erfolgreich teilgenommen. Mit Sicherheit ein Grund für Vater Marco, den Neubau und das klangliche Einstellen moderner Celli als einen Schwerpunkt mit in seinen Arbeitsalltag zu integrieren. Bis zu 400 Stunden dauert es, bis aus dem Holz ein klangvolles Instrument entsteht.

Obwohl oder vielleicht gerade weil das Handwerk ganz ohne modernste Technik auskommt, gibt es in der Berufssparte offenbar keine Nachwuchssorgen. Musikinstrumentenbauschulen haben weiterhin kräftigen Zulauf und viel mehr Bewerber als Plätze. „Viele von ihnen sind wohl ebenfalls Quereinsteiger“, vermutet Schultz. Sie alle hat die Faszination für den Beruf ergriffen, der in einer schnelllebigen Zeit Beständigkeit verspricht.

Cochem-Zell AW vom Samstag, 4. Mai 2019, Seite 3 (69 Views)

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