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Der Pferdeflüsterer von Enspel

John Wisser entdeckt seine Liebe zum Reitsport erst mit 13 Jahren und ist nun ein erfolgreicher Westernreiter

-von Jacqueline Schlechtriem-

ENSPEL. Fotos und Zeitungsartikel schmücken die Wände des Aufenthaltsraums auf der Take it easy-Ranch in Enspel. In der Reithalle zeigen große Plakate die Westernreiter in Aktion. Meist zu sehen: ein junger Mann mit Cowboyhut. Es ist der 19-jährige John Wisser, der auf dem Rücken eines Pferdes vor allem eines ausstrahlt: Selbstbewusstsein! Steht jedoch eine Journalistin vor ihm, ist er eher zurückhaltend. Bevor er zaghaft eine Frage beantwortet, geht sein Blick zu Vater André Wisser, der ihn dazu animiert, über sein Talent und seine Erfolge zu sprechen. Papa ist nämlich sichtlich stolz auf seinen Spross; hält mit den Lobeshymnen nicht hinterm Berg. Und verstecken muss sich John auch wirklich nicht . . .

Denn auf dem Rücken eines Pferdes ist er wie ausgewechselt – dabei hat er erst relativ spät mit dem Reiten angefangen. Der Reining-Reiter – Reining ist quasi Dressur auf Westernart – entdeckte seine Liebe zum Sport erst mit 13 Jahren, nach einer schwierigen Zeit. Die Scheidung seiner Eltern führte zu seelisch-psychischen Problemen und sogar einer Gesichtslähmung. Er lebte bei seiner Mutter, verbrachte jedoch jedes zweite Wochenende und die Schulferien bei seinem Vater auf der Ranch, wo er täglich mit den Tieren in Verbindung kam und die anderen Reiter beobachtete. Eines Tages, auf dem Rückweg eines Turniers, fragte er seinen Papa: „Kann ich das auch?“ Gesagt, getan. John entwickelte sich schnell zu einem Naturtalent und nahm bereits nach etwa zwei Monaten an seinem ersten Turnier teil, welches er auch gewann. „Und es klappte nicht nur einmal, sondern ständig“, erinnert sich Vater André Wisser.

Mit den Pferden durch dick und dünn

Mit 14 übernahm der Teenager die Verantwortung für „Nobody“ – das Pferd seines Vaters. Profitrainer Emanuel Ernst, selbst erfolgreicher deutscher Westernreiter, nahm den Jungen unter seine Fittiche und war überrascht, wie schnell John das Erlernte umsetzen konnte. Schließlich bekam er sein eigenes Pferd, bildete es aus und wurde mit „Smartie“ Landesmeister in der Open Klasse. Auch die DQHA-Show in Aachen gewann das Duo. Und da sollte noch lange nicht Schluss sein. 2016 holte sich John bei den German Open die Bronzemedaille und sicherte sich so die Aufmerksamkeit von Nationaltrainer Nico Höhrmann. Der junge Westerwälder wurde schließlich ins Nationalteam der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN berufen, zu dem auch Gina Maria Schumacher gehört. Gemeinsam konnte sich der Kader über die Silbermedaille der deutschen Reining-Equipe der jungen Reiter der FEI-Weltmeisterschaften 2018 in Lyon freuen, bei der John mit dem Wallach „Steppin Jacson“ glänzte.

Wie der Vater, so der Sohn

Die Liste an Erfolgen wächst stetig und der junge Reiter möchte natürlich immer höher, schneller, weiter – bleibt dabei jedoch stets bescheiden und ist sich der großen Konkurrenz aus beispielsweise Amerika oder Belgien bewusst, die oftmals deutlich mehr Geld für den Reitsport ausgeben können, als John und sein Vater. „Wir sind einfache Leute“, betont André Wisser, ein waschechter Wäller Bauernsohn. Er wollte als Kind schon immer reiten, musste jedoch mit den Kühen vorlieb nehmen, bis er sich mit 18 Jahren sein erstes Pferd kaufte. Seine Leidenschaft für die Tiere hat er zu seinem Beruf gemacht, genau wie sein Sohn.

John hat eine Ausbildung zum Pferdewirt mit dem Schwerpunkt Spezialreitweise Western abgeschlossen. Der Weg dahin war jedoch alles andere, als einfach, denn sowohl Schule als auch das Arbeitsamt rieten davon ab. Keiner glaubte daran, dass er diese Aufgabe meistern würde, die Unterstützung seines Vaters war ihm jedoch immer sicher: „Wenn jemand möchte, dann muss man ihn lassen. Das ist schließlich die Grundvoraussetzung.“

Durch nichts aufzuhalten

Und er wollte, trotz Defizite, denn bereits in jungen Jahren musste er die Grundschule in Borod auf Grund einer Lernschwäche im Lesen und in der Rechtschreibung verlassen. Fortan besuchte er eine Förderschule und ging weiterhin seinen Weg. „Eine Förderschule fördert eben auch die wichtigen Dinge; sie fördert was die Leute können“, so der Vater, wie beispielsweise Mathematik – ein Fach, in dem John immer gut zurecht kam, was ihm in seinem jetzigen Beruf durchaus hilft, wie beispielsweise bei der Futterberechnung. Bei seinen schulischen Defiziten hat sein Umfeld ihm geholfen, immer gemeinsam mit ihm gelernt, denn er hat seine Ausbildung im Betrieb seines Vaters gemacht und versorgt nun die Tiere, kümmert sich beispielsweise um Problempferde, gibt Unterricht und vieles mehr.

Was bei alldem und auch bei seinen Turnierteilnahmen von großem Vorteil ist? „Wenn alle durchdrehen, behält er die Ruhe“, berichtet André Wisser. Bei Turnieren würde sein Sohn eher einem Faultier gleichen, der nur ganz langsam in die Gänge kommt. Er ist da eben ganz pragmatisch: „Es ist doch nur ein Turnier. Entweder es klappt, oder eben nicht“, so John. Doch wenn es dann soweit ist, ist er fokussiert und gibt alles auf dem Rücken seines Pferdes. Selbst der Bundestrainer setzt auf ihn. „Es hieß dann, dass der mit den dicksten Eiern zuerst startet. ‚John, du‘“, erinnert sich der stolze Papa, der bei Turnieren seines Sohnes wesentlich nervöser ist, als das junge Reittalent selber. Er ist einfach für die Turnierwelt geboren – gemütliche Ausritte sind hingegen nicht so sein Ding.

Momentan wird sich noch auf die kommende Saison vorbereitet; es sollen noch Qualifikationen für große Turniere erritten werden und hoffentlich viele neue Erfolge gefeiert werden. John bleibt jedenfalls am Ball, denn auf dem Rücken eines Pferdes fühlt sich der 19-jährige Pferdeflüsterer immer noch am wohlsten.

Westerwald-Rundschau AW vom Samstag, 30. März 2019, Seite 3 (17 Views)

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