Westerwaldpost Süd

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Sperrstunde missachtet: Rudi muss ins Gefängnis!

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

Während seiner Zeit in den USA bei den St. Louis Stars (1966 - 1968) führte ein Ausflug Rudi Gutendorf nach Guatemala.

Die Uniformierten lachen vulgär. „Amigo, besser hältst du dann dein großes Gringo-Maul!“ Eine Katastrophe bahnt sich in Guatemala City an. Ich hatte mit meinen St. Louis Stars eine Einladung des guatemaltekischen Fußballverbandes angenommen. Die Garantiesumme ist hinterlegt. Alles hat bestens begonnen. Mit melodischer Marimba-Musik werden wir schon am Airport empfangen. Danach haben wir einen 5:2-Sieg über die Stadtauswahl gefeiert und viel zu viel Pisco sour getrunken. Welcher Trottel hat vergessen, mich davon zu unterrichten, dass in dieser Stadt wieder einmal Kriegsrecht herrscht und nachts strengste Sperrstunde verhängt ist? Als ich an diesem Abend, nachdem alle Spieler endlich in ihren Zimmern sind, noch einen kleinen Stadtbummel unternehme, wundere ich mich freilich schon nach ein paar hundert Metern, kaum einem Menschen zu begegnen. Es wird mir schwerfallen, heute Nacht noch etwas Nettes zu erleben, denke ich angesichts dieser Leere.

Vier Polizisten stehen plötzlich vor mir

Als ich um die Ecke biege, stehen wie aus dem Boden gewachsen vier Polizisten vor mir. „Sie sind wohl verrückt! Was wollen Sie von mir?“, schrie ich die Kerle an, als mich einer am Handgelenk packt und meinen Arm nach hinten auf den Rücken biegt. Der Streifenführer bellt zurück: „Sie werden jetzt schweigen und mitkommen.“ Ich mache mir schwere Selbstvorwürfe. Ich habe nur mit halbem Ohr hingehört, als man mir im Hotel sagte, dass schon seit einem Vierteljahrhundert die Generäle die Politik allein bestimmen. Mir wurde erzählt, dass in den letzten Jahren mehr Menschen ermordet wurden, als bei dem Beben vor vier Jahren umgekommen sind. Brutale Gewalt ist Instrument des Militärregimes.

Todesschwadrone und Mordkommmandos, die sich „Die weiße Hand“ oder „Neue antikommunistische Organisation“ nennen, terrorisieren die Bevölkerung – mit Billigung der herrschenden Militärs. Es ist an der Tagesordnung, dass Soldaten und Polizisten nach Feierabend blutige Jagd auf Regimegegner machen. Regimegegner – das ist das Volk, Oppositionspolitiker, Studentenführer, Gewerkschaftler, Journalisten und Kleinbauern und die Millionen halbverhungerter Indios, die sich weigern, ihr Land den Großgrundbesitzern zu lächerlichen Preisen zu verkaufen.

Jeden Tag verschwinden Menschen in Guatemala. Die meisten werden erst wesentlich später mit grausamen Folterspuren gefunden, umgebracht durch das Mordwerkzeug der Todesschwadrone, dem sogenannten „Henkerchen“, einer spitz zugeschliffenen Metallsäge, die sich wie ein Bajonett in den Körper bohrt. Ich sitze tief in der Tinte. Meine Mannschaft ist ahnungslos im Hotel, und mich steckt man ins Gefängnis – und in was für eins! In Mittelamerika sind Kerker unbeschreibliche Elendsquartiere. Mich sperrt man zu sechs anderen. „Gringo de mierda – Scheißgringo“ begrüßt mich zuerst mal einer der sechs und lacht mich herausfordernd-feindlich an. Vorsichtshalber gebe ich mich mal erst jovial. „Hallo, Freunde, auch Pech gehabt?“, sage ich in meinem bestern Sonntags-Spanisch und lächle sie freundlich an. Dröhnendes Gelächter. „Pech gehabt, sagt das Arschloch!“ Ich schaue mir meine Zwangsgesellschaft an. Erblicke zwei ausgemergelte Gesichter, die aus schmutzigen Decken hervorlugen. Mischlinge, wie viele hierzulande, Zwillinge, glaube ich, so ähnlich sehen sie sich. Ihr Delikt erfahre ich später: Sie haben am hellichten Nachmittag in einem öffentlichen Park einen Schweizer erschlagen. Sie nahmen alles. Seine Kleider zogen sie an. Der eine, Hose und Hemd, der andere, Schuhe und Jackett. In diesen Kleidungsstücken wurden sie verhaftet. Sie waren auf seine elegante Aufmachung erpicht. Sie wollten ihn nicht töten, nur betäuben.

Ich habe Angst

„Du bist auch nicht übel angezogen, Gringo“, röhrt ein bärtiger Amerikaner aus einer Ecke. „Na, ihr zwei, könnte euch das nicht reizen?“ Er schlägt sich vor Freude klatschend auf die nackte Brust und lacht wie irre über seinen Witz „Hast du keine Angst, Gringo?“ Die Situation ist gefährlich. Natürlich habe ich Angst. „Ach, weißt du“, sage ich beiläufig, „ich habe nur vor einem Angst: nämlich, dass ich Angst überhaupt nicht kenne!“ Ich strecke mich gespielt lässig auf einer leeren Pritsche aus und tue, als wären mir Gefängniszellen etwas Alltägliches. Ich sehe mir die restlichen drei Sträflinge an: Einbrecher, Totschläger, Sittlichkeitsverbrecher, Messerstecher, alles zusammen, diagnostiziere ich. Damit komme ich der Wahrheit nahe, wie sich rausstellt.

„He, Gringo, willst du nicht wissen, was ich auf dem Kerbholz habe?“, nimmt der Bärtige den Gesprächsfaden auf. „Eigentlich siehst du aus, als könntest du keiner Fliege etwas zuleide tun“, lache ich ihn an. Ich animiere ihn damit, anzugeben. „Ich will dir was Schönes erzählen.“ Ich soll ihn also bewundern, tue interessiert. Besser, den Koloss auf meiner Seite zu wissen. „Ich habe in einer Wurstfabrik gearbeitet und da einen Chef gehabt, der gar nicht so übel war. Wir beide hatten jedoch ein Problem: seine scharfe Frau. Weißt du, jene Sorte mit der Seele einer Jungfrau und dem Körper einer Göttin. Sie ist wochenlang immer um mich herumgestrichen. Als ihr Mann im absolut falschen Moment auftauchte, habe ich mich natürlich entschuldigt: Ich mag Sie, Boss, aber Ihre Frau ist mir lieber. Ihr Körper ist für Sie allein zu viel, Boss. Allein schaffen Sie das nicht. Alle Arbeiter sahen, dass ihm meine schöne Rede nicht gefiel. Er schlug mir ins Gesicht und trat mich unten rein. Ich musste mich wehren. Auf einmal fiel er tot um.“ Ich sehe in seinen Augen, dass er sich durch seine Erzählung hochschaukeln will. „Hast du Geld, Gringo?“ brummt er mich an. „No, die Hunde haben mir alles weggenommen, auch die Uhr.“ Dabei kehre ich meine Hosentaschen um. So mache ich ihnen unmissverständlich klar, dass ich nichts habe.

In der nächsten Woche lesen Sie, wie es weiter ging für Rudi im Gefängnis.

Westerwaldpost Süd vom Mittwoch, 13. März 2019, Seite 11 (12 Views)

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