Westerwaldpost Süd

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Kulinarisch auf den Spuren von Indiana Jones

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

Nach seiner Rettung aus der Wüste bereitet sich Rudi Gutendorf als Trainer der tunesischen Auswahl auf den Coup d'Afrique 1962 vor.

Die Ausscheidungsspiele um den Coup d'Afrique, der mit der Europameisterschaft der Nationalmannschaften gleichzusetzen ist, standen bevor. Tunesien war nie eine starke afrikanische Fußballnation. Marokko, Ägypten, Zaire sind und waren es seit vielen Jahren. Die tunesische Nationalmannschaft flog bisher ohne jede Ausnahme in allen Qualifikationsspielen immer in der ersten Runde raus. Nie nahm Tunesien an einer Endrunde teil, die in diesem Jahr in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba stattfinden soll, und Tunesien ist dabei! Ich bin nicht offizieller Nationaltrainer, bin aber als Juniorencoach hinter den Kulissen der, der das Sagen hat. Entwicklungsländer haben ihren Stolz, zum Vorzeigen wollen sie einen Landsmann an der Spitze haben. Was ich verstehen kann. Das Stadion in Addis Abeba ist ausverkauft. Als ich ins Stadioninnere komme, werfen sich in diesem Moment sechzigtausend Zuschauer auf den Boden und berühren mit ihrer Stirn die Erde. So was Flaches habe ich noch nie gesehen. Die Äthiopier erweisen Haile Selassi ihre Reverenz. Der Kaiser, nur anderthalb Meter groß, steht auf der Tribüne wie eine Statue. Der Negus ist begleitet von seiner Hofkamarilla, die ihn farbenprächtig und würdig einrahmt. Zwei Tarzanfiguren mit eingeölten Glatzen und Oberkörpern, Krummsäbel in den Händen, martialisch dreinblickend, stehen bewachend hinter ihm. Der König der Könige nimmt Platz. Er erwartet heute den Sieg seiner Nationalmannschaft. Durch eine Handbewegung, so wie man eine Fliege wegwischt, lässt der Kaiser endlich die Massen aufstehen. Das Spiel beginnt noch lange nicht, nein, die Show geht weiter. Seine Majestät geruht zuerst etwas zu speisen. Ein kleiner goldener Tisch wird gebracht, beladen mit den erlesensten Früchten und Backwerken. Zwei bildhübsche junge Mädchen bereiten alles vor, mundgerechte Bissen auf goldenen Schalen werden seiner Majestät gereicht. Der Kaiser geruht gnädig, winzige Happen zu sich zu nehmen – und das im Stadion! „Wenn ich das meinen Freunden in Koblenz erzähle, halten die mich für Sindbad den Seefahrer“, denke ich und schaue fasziniert zu, mit welch edler Nonchalance der Negus sich bewundern lässt. Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Das Volk wartet artig und atemlos, bis der Kaiser fertig ist. Man hat ja so herrlich viel Zeit in Afrika, man versäumt ja nichts. Unsere Spieler machen sich schon 70 Minuten warm auf einem Nebenplatz. Zehn Minuten hätten gereicht bei dieser Hitze! Sollte ich mich beim Kaiser beschweren? Die Ölglatzen mit den Krummsäbeln hätten mir den Kopf abgehauen. In ganz Schwarzafrika glaubt man an Geister. Alle guten Geister sind heute auf Seiten der Gastgeber. Das Finale gewinnt Äthiopien zur Freude seines Kaisers gegen Ägypten mit 4:2. Das Volk ist aus dem Häuschen. Die Leute tanzen und kreischen vor Entzücken. Seine Majestät streckt huldvoll beide Arme aus, als wolle er seine Landeskinder ganz lange segnen. Vor dem Endspiel hat unsere Mannschaft im Kampf um den dritten Platz gegen Uganda mit 3:0 gewonnen. Unser Sieg wird als die Sensation im afrikanischen Fußballsport gewertet, mit Tunesien hatte niemand gerechnet. Uganda hatte schon zwei Mal den Afrika-Pokal gewonnen. „Ist das der Gipfel des sportlichen Ruhms in Afrika?“ frage ich mich, als der Negus auch mich und den offiziellen Nationaltrainer sehen will. Wir Trainer erhalten von ihm als persönliches Geschenk einen wertvollen Dolch mit einem großen Rubin am Knauf. Für die Spieler gibt es große Medaillen aus purem Gold. Je ärmer die Staaten, umso wertvoller die Geschenke! Beim abendlichen Festbankett esse ich von dem zarten Schnitzel. Kalbfleisch wird es sein, vermute ich. Da es etwas süßlich schmeckt, lasse ich es stehen und esse vom kalten Büfett gekochte Hühnerbrust. Die Spieler leeren viele silberne Tabletts, ihnen ist das Schnitzelfleisch nicht zu süßlich. Später koste ich noch etwas von einer braunen Masse, die wie Leberwurst aussieht und lecker nach Nuss und Nougat schmeckt „Man muss doch diese exotischen Spezialitäten mal kosten“, denke ich! Der Küchenmeister des kaiserlichen Hofes ist geehrt, dass es uns so schmeckt. Er erscheint persönlich mit hoher weißer Kochmütze und strahlt wie ein Honigkuchenpferd, als wir sein Essen loben. „Na, wie waren die Affen, zart genug gebraten?“ Einen Augenblick herrscht Funkstille an unserem Tisch. Tunesier sind zivilisierte Leute, es käme ihnen nicht in den Sinn, Affenfleisch zu essen. Ich sehe die Gesichter meiner Tischgenossen – die Mienen spiegeln Ekel. Wir haben Affenfleisch gegessen? Ich bin froh, nicht voll ins Affenfleisch reingehauen zu haben. Bei der Rückkehr haben wir nicht viel von den Ehrungen, die uns von Behörden und von der Bevölkerung bereitet werden: Durchfall wie Wasser hält uns am Laufen, bis wir gelb werden. Acht Spieler und auch ich, wir fühlen uns todelend; es geht uns wie der deutschen Weltmeister-Elf 1954. Wir haben uns eine Gelbsucht eingehandelt und müssen ins Hospital. Ich werde als erster nach acht Tagen entlassen. Der Arzt klärt mich auf: Die leberwurstähnliche braune Masse mit dem leckeren Nuss-Nougat-Geschmack war ungekochtes Affenhirn. Verdammt noch mal. Diese Begebenheit sollte fast 20 Jahre später im Film „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ Thema sein . . .

Das Auswärtige Amt bittet mich, meinen Vertrag in Tunesien zu verlängern. Doch wie ein Fuchs die Ohren spitzt, wenn ihm der Duft eines Fasanengeheges in die Nase steigt, wittere ich meine große Chance. In Deutschland ist die Bundesliga im Kommen. Ich will am Puls der Dinge sein. Im deutschen Profifußball zeichnen sich günstige Entwicklungen ab. Für mich ist das die größte Herausforderung in meiner Trainerlaufbahn. Was nützen die schönsten Erfolge im Ausland, wenn sie in der Heimat kaum erwähnt werden? Erfolg ist Leistung plus Anerkennung. Ohne Vertrag, ohne Absprachen, ohne vorläufige Aussicht, irgendwo unterzukommen, mit einem nur ganz bescheidenen finanziellen Polster aber mit einer gehörigen Portion Unbekümmertheit und gesundem Selbstvertrauen, schiffe ich mich ein, zurück nach Marseille. Dann geht's im Auto immer gegen Norden, Richtung Koblenz! Ein tunesisches Sprichwort sagt: »Wer nicht weiß, wo er hinfährt, braucht sich nicht darüber zu wundern, wo er ankommt.« Ich weiß wohin-ich will in die neue Bundesliga!

Westerwaldpost Süd vom Mittwoch, 6. Februar 2019, Seite 9 (23 Views)

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