Westerwaldpost Nord

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Die schöne Sarah bringt Rudi zum Schwitzen

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

In der vorigen Woche berichtete Rudi Gutendorf, wie er in Tunesien Land und Leute kennenlernte – und eine ganz besondere junge Dame, Sarah . . .

„Sie sind Schweizer?“ fragt sie und deutet auf das Nummernschild meines Autos – CH-LU 33441. Wenn sie Sarah heißt, denke ich mir, lasse ich sie lieber in dem Glauben. „Ich komme aus Luzern“, behaupte ich und das ist ja nicht gelogen.

Am Meer treffen wir alle wieder. Sarah sagt, dass es ihre Schulfreunde wären. In ihrer Bande taut Sarah auf wie ein Gletscher, der in den Golfstrom driftet. Sie spricht gut französisch, was sie einer Genfer Lehrerin zu verdanken hat. Ich glaube, es war die Autonummer meines Wagens, die mir ihr erstes oberflächliches Vertrauen abgewonnen hatte. Sie ist Jüdin.

Sarah und ich sitzen auf Tuchfühlung nebeneinander. Ich himmle sie an. Zwei Burschen spielen Gitarre. Einer mit einer fürchterlich großen Nase – wobei ich sagen muss, dass meine nicht viel zierlicher ist – er heißt Cohen, spielt phantastisch auf der Jazztrompete dazu. Der kilometerlange menschenleere Strand in den Abendstunden mit der musizierenden Bande, dazu Sarah – das ist schon paradiesisch. Nach Sonnenuntergang zünden wir ein mächtiges Feuer an. Ein Lamm wird am Spieß gebraten. Dazu trinken wir Raki, einen starken Schnaps, der es in sich hat.

Phantastisch – die Nächte am Meer mit der sorglosen jüdisch-arabischen Jeunesse. Die Mädchen bereiten über einem zweiten kleinen Feuer das in Schüsseln mitgebrachte Nationalgericht Kuskus zu, das sie „mechvi“ nennen. Es kommen so delikate Sachen rein wie saftige Kordhorusblätter, frischer grüner Pfeffer, geröstete kleine Kammwürste und viele Fleischstücke. Es wird mein Lieblingsgericht.

Als die beiden Gitarristen ein paar Rock'n‘Roll-Akkorde anschlagen und Cohen mit der Trompete einsetzt, hopsen einige Pärchen im Sand. Ich hopse mit Sarah herum wie verrückt – und bin happy. Ich sehe nur noch sie. Ich trinke viel Raki, sehr viel Raki.

Sarah macht mich nervös, sie lässt mein Herz aufgeregt schlagen, wenn ihr langes, tief auf den Rücken herunterfallendes Haar das Lagerfeuer reflektiert. Ihre blauen Augen sind nicht einfach nur blau – es ist ein Blau, das man nicht beschreiben kann. Wo gibt es sowas, ein arabisches Judenmädchen mit strahlend blauen Augen und einem so sinnlichen Mund? Sarahs dichtes bläulich-schwarzes Haar hat wahrscheinlich nie die Hand eines Friseurs angetastet. Das Mädchen scheint einem Märchenbuch entstiegen zu sein.

Ist es der Raki? Ist es das Meer? Ich träume mit offenen Augen. An Fußball möchte ich im Moment nicht denken. Stattdessen verfasse ich zum ersten Mal in meinem Leben Gedichte, Gedichte über sie, die ich ihr aber nicht vorlese.

Sarah stammt aus einer vornehmen Familie, die mich eines Tages einlädt. Der nicht vorhandene Vater ist ein absolutes Tabu – es wird nicht über ihn gesprochen. Ist Sarah unehelich? Mir ist das gleichgültig. Ihre Mutter und ihre Großmutter behandeln mich wie einen potentiellen Bewerber ihrer Sarah, auch das soll mir recht sein. Ich würde das Mädchen vom Fleck weg heiraten.

Sarah lässt sich von nun an küssen – alle Glocken beginnen bei mir zu läuten. Dass sich ihr Gewand auch nur einen Spalt für mich öffnet, davon kann ich vorerst nur träumen.

Die Lebensauffassung der Mohammedaner und auch der Juden in Tunesien hat für die Mädchen ihr Gutes. Es ist praktisch unmöglich, dass ein Mädchen eine Ehe eingehen kann, ohne dass es sich seine Unschuld erhalten hat. Auch heute noch kontrollieren die Schwiegermütter nach der Hochzeitsnacht die Bettücher. Finden sie keine Blutflecken, wird die junge Frau sofort aus dem Haus gejagt – und das wie ein Hund. Damit ist sie ehrlos.

Uns zieht es immer wieder ans Meer; das hat keine Saison, es gewährt dem immer fröhlichen Fischer Ernten, die von keinem Tag, keiner Stunde abhängig sind. Sarah zeigt mir alles Sehenswerte in der Umgebung. Alles, was sie mir zeigt, ist für mich wertvoll und etwas Besonderes – sie hätte mir eine Handvoll Sand vorhalten können, und ich wäre entzückt gewesen, hätte gestaunt wie verrückt.

Strahlend weiß sticht mir die Moschee mit dem schlanken Minarett in die Augen. Die Glut der Sonne spiegelt sich auf dem Marmor im Innenhof des Luxushotels „Les Palmiers“, in dem ich wohne.

Das neue Stadion in Monastir liegt direkt am Meer und ist gerade fertig geworden. Es hat jedoch, gerade wegen der wunderschönen Lage, einen großen Nachteil: Von der See her weht fast immer ein starker Wind, der das Spiel oftmals unberechenbar macht. Der Ball spielt für sich allein, unmöglich, ihn zur Ruhe zu bringen. Er bleibt nicht liegen, er rollt und rollt und rollt.

Bei Eckbällen oder gar bei Elfmetern muss manchmal ein Mitspieler mit einem Finger den Ball festhalten, damit ein anderer schießen kann. Eine Regel, von der die Fifa nichts ahnt – aber was soll man machen, wenn der Ball nicht liegenbleibt?

Ein Vergnügen ist es für mich, zusätzlich zu meiner Arbeit im Club die tunesischen Youngsters zu betreuen, „Les Espoirs“ genannt.

In einer Sportschule bei Lamzar bereiten wir uns auf die Junioren-Länderspiele vor. Gern möchte ich hier einige Zeit nur malen wie Klee. Malen, rumsitzen und faulenzen sonst nichts. Doch das „dolcefarniente“ wird plötzlich vom Dauerstress abgelöst. Der Krieg ist zu Ende.

Weiter lesen Sie in der nächsten Ausgabe.

Westerwaldpost Nord vom Mittwoch, 9. Januar 2019, Seite 8 (46 Views)

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