Lahn-Post C

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Sturm und Trockenheit setzen Wäldern zu

Der Leiter des Forstamts Weilburg, Werner Wernecke, erläutert Schäden und Auswirkungen im heimischen Forst

-von Johannes Koenig-

REGION. Erst kam das Orkantief „Friederike“ dann der trockene Sommer. Vor den Folgen dieser Naturgewalten steht im Beselicher Wald der Leiter des Weilburger Forstamts, Werner Wernecke.

Auf der mehr als ein Hektar großen Fläche standen vor einem Jahr noch Fichten. Aber am 8. Januar sorgte „Friederike“ dafür, dass dort nur noch Windwurf, also entwurzelte Bäume, übrig blieb. Warum aber traf es gerade diese Bäume und nicht die, die etwa 100 Meter weiter entfernt stehen geblieben sind?

„Das hängt von vielen Faktoren ab“, weiß der Experte. Windverwirblungen, Lücken im Baumbestand, die als Angriffsfläche dienen können, zählen dazu. So blieben benachbarte Laubbäume wohl verschont, weil sie ihm Januar längst ihre Blätter abgeworfen hatten und daher den Orkanböen weniger Fläche boten. Ab gewissen Windstärken fallen sie aber genauso um, betont der Forstamtsleiter. Von Windwurf betroffen waren aber diesmal zu 95  % Fichten.

Die Wälder im Limburger Raum bestehen aus 75 % aus Laub- und zu 25 % Nadelbäumen. Und es gab offensichtlich auch Nadelhölzer, die dem Sturm trotzten: So steht inmitten des Windbruchs noch eine abgestorbene Lärche. Ihr wurde die Trockenheit zum Verhängnis. Ein Blick auf die Rinde verrät mehr: Die zahlreichen kleinen Löcher zeigen, dass sich dort Borkenkäfer reingebohrt hatten, um ihre Eier abzulegen. Auf der Innenseite sind dann auch die typischen Gänge zu sehen.

Denn zuerst befällt der Borkenkäfer die umgestürzten Bäume und schwärmt dann aus. Gesunde Bäume können sich normalerweise mit der Bildung von Harz gegen den Befall schützen. Zwingende Voraussetzung ist allerdings genug Feuchtigkeit. Und die kommt nun in diesen Tage mit einigen Monaten Verspätung an.

Landregen erwünscht

„Am besten ist leichter Landregen“, sagt Wernecke. „Denn Starkregen fließt oberflächlich ab, ohne in den Boden einzudringen.“ Momentan sei er prinzipiell froh über jeden Tropfen, dennoch bringt der lang ersehnte Niederschlag neue Probleme mit sich: „Herbst und Winter sind auch die Hauptzeit für die Holzernte.“ Wird der Boden zu weich, müssen die Arbeiten sogar verschoben werden. Denn ansonsten hinterlassen die Räumfahrzeuge zu tiefe Spuren in den Arbeitsgassen, was die Wege auf Dauer unbrauchbar macht.

„Wir versuchen daher mit breiten Reifen oder Raupenfahrzeuge zu arbeiten.“ Was aber nur bis zum einem gewissen Punkt funktioniert.

Die Laubholz verarbeitenden Betriebe warten gerade händeringend auf Nachschub. Was wiederum direkt mit „Friederike“ und den Borkenkäfern zu tun hat: Denn beim Wegräumen der Hölzer hatten bisher die Fichte Priorität. Da die effektivste Methode die Verbreitung des Käfers zu verhindern, ist ihm die Nahrungsgrundlage, sprich den Windwurf, zu entziehen.

Denn der Einsatz von Borkenkäferfallen erfordert viel Fingerspitzengefühl und kann im schlechtesten Fall zur weiteren Verbreitung der Käfer führen. Der Einsatz von Insektiziden im Wald ist aber ausdrücklich nicht gewollt und in der Praxis auch schwer umsetzbar: „Jetzt im Herbst sind die Käfer auch nicht mehr im Baum, sondern bereits im Unterholz verschwunden.“ Man müsste also quasi alle auf dem Waldboden liegende Objekte umdrehen und besprühen.

„Wir hatten bereits die Erlaubnis, die am Wegrand für die Abholung gelagerten Holzstämme entsprechend zu schützen. Das haben wir aber nicht gemacht“, sagt Wernecke. Denn gelohnt hätte sich eine solche Aktion nur bei einer großen, in sich geschlossenen Lagerfläche.

Eine weitere Folge der nötigen raschen Beseitigung der Sturmschäden ist, dass die Marktpreise durch die Fichtenholzschwämme in den Keller gingen. Durch die Marktsättigung brach der Absatz ein. Auch traditionelle Märkte wie Österreich sind momentan dicht, sagt der Experte.

Die nächste Hürde folgt im Frühjahr, wenn es um die Aufforstung geht: Es ist absehbar, dass die Baumschulen bei der Abdeckung der großen Nachfrage hinterherhinken werden. Wegen des Schädlingsbefalls wäre es ohnehin sinnvoll zwei Jahre mit der Neuanpflanzung zu warten. Eine solche Pause ist aber nicht vorgesehen.

Als Ersatz werden Bäume gesucht, die besser mit der Trockenheit klar kommen und auch mehr Standfestigkeit haben als die Fichte. Wobei letzteres auch eine Folge der guten Bodenqualität der heimischen Wälder ist: „Da Wasser und Nährstoffe gut verfügbar sind, mussten sie keine tiefen Wurzeln ausbilden.“

Mehr Esskastanien

Momentan ist die Wissenschaft damit beschäftigt, verschiene Baumarten auf ihre Anpassungsfähigkeit auf den Klimawandel zu testen. „Denn den Klimawandel gibt es“, ist der Experte überzeugt. Die Daten zur Erderwärmung sowie die gestiegene Häufigkeit von extremen Wetterphänomen seien nicht von der Hand zu weisen.

Zu den Baumsorten, die zukünftig auch in den hiesigen Breiten mehr zum Zuge kommen werden, ist die aus dem Mittelmeerraum stammende Esskastanie. Auch die Esche käme mit dem veränderten Klima gut zurecht, ist aber momentan wegen einer Pilzerkrankung vom Aussterben bedroht. „Auch da muss die Forschung aktiv werden und gezielt resistente Exemplare weiterentwickeln “, so die Hoffnung des Experten.

Weitgehend erledigt hat sich dagegen ein Umweltphänomen der 1980er Jahre: das Waldsterben durch den sauren Regen. „Die Ursache lag in Schwefelverunreinigungen durch Kraftwerke. Das ist weitgehend gelöst“, erklärt Wernecke. Ein aktuelles Problem ist dagegen die zunehmende Stickstoffbelastung des Bodens: Sie trägt zur deren Versauerung und Schwächung der Bäume bei.

So sind die Folgen des Rekordsommers nur eine von vielen Herausforderungen, der sich Werner Wernecke und sein Team in den kommenden Jahren stellen müssen.

Lahn-Post C vom Montag, 24. Dezember 2018, Seite 3 (13 Views)

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