Westerwald-Post Süd AW

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Die Fichten im Westerwald sterben aus

AM WOCHENENDE im Gespräch mit Roger Best, Vorsitzender des Nabu Westerwald, über die Zukunft unseres Waldes

WESTERWALDKREIS. -ifd- Unser Wald ist schon lange krank und durch den heißen, trockenen Sommer hat er zusätzlich sehr gelitten. Besonders hart hat es die Fichte getroffen. Sie mag es eigentlich kühl und nass, ist durch die Hitze sehr unter Trockenstress geraten. Ihr ist quasi der Angstschweiß ausgebrochen. Und als wäre dem noch nicht genug, hat sie mit den ausgesandten Duftstoffen dem Borkenkäfer signalisiert: Ich bin ein gefundenes Fressen.

Auf eine solche Einladung hat das rindenbrütende Insekt prompt reagiert, zumal es durch die Wärme und Trockenheit ideale Voraussetzungen zur Vermehrung hat: In Scharen hat der Käfer – eigentlich sind es mit dem Buchdrucker und Kupferstecher zwei Arten – die Fichten befallen und ihnen ihre Lebensader quasi abgeschnitten. Die Käfer wiederum schicken mit Botenstoffen ihren Artgenossen die Nachricht, hier gibt es eine Art Paradies und locken weitere Käfer an. Das Fatale daran: Die Fichten sind dem Insektenbefall hilflos ausgeliefert und wenn der Mensch aufmerksam geworden ist, ist der Fichte schon lange nicht mehr zu helfen. Sie stirbt.

AM WOCHENENDE hat mit dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes (Nabu) Westerwald, Roger Best, über die Zukunft der Fichte in unseren Wäldern und den immensen Mengen Holz gesprochen, die an vielen Wegrändern im Wald lagern.

AM WOCHENENDE: Herr Best, die Schäden für die Forstwirtschaft gehen landesweit in die Millionen. Auch der Westerwald klagt über immense Verluste. Warum ist das so?

Roger Best: Wie Sie schon eingangs schreiben, ist besonders die Fichte betroffen. Sie ist die Haupteinnahmequelle des Forstes. Daher ist ihr Zusatzname auch „Brotbaum des Försters“. Ihr Holz ist ein begehrter Rohstoff, weswegen die Fichte einen hohen Flächenanteil im Westerwald einnimmt.

AM WOCHENENDE: Ist die vielerorts betriebene Monokultur der Fichten jetzt nicht eher schädlich?

Best: Eine Monokultur ist generell immer anfällig für Schädigungen und zudem ökologisch bedenklich. Jedoch sollte man die Historie im Westerwald berücksichtigen, die zur Pflanzung der Fichte als Reinbestand, wie in der Forstwirtschaft eine Monokultur genannt wird, geführt hat.

AM WOCHENENDE: Wie ist das zu verstehen?

Best: Nun, zunächst möchte ich einfach feststellen, dass die Fichte in der natürlichen Vegetation des Westerwalds überhaupt nicht vorkommen würde. Ihre Heimat liegt in höheren Lagen, wie etwa den Gebirgen Süddeutschlands. Sie ist hier erst von Menschenhand kultiviert worden. Es gibt etwa drei große Phasen, die den Anbau von Fichten im Westerwald begründen.

AM WOCHENENDE: Welche waren das?

Best: Im Westerwald war Holz lange Zeit der einzige Energieträger sowie der wichtigste Bau- und Werkstoff. Der Wald wurde damals intensiv genutzt und von Menschenhand vielerorts komplett abgeholzt. Entgegen seines Namens war der Westerwald tatsächlich kein Waldland mehr. Um dieser Holznot zu begegnen, hat der herrschende Adel im 18. Jahrhundert nach preußischem Vorbild begonnen, mit Fichte aufzuforsten. Die Wahl fiel auf diese Baumart, da sie schnell wachsend ist und hervorragende technische Eigenschaften besitzt. Zudem ist sie günstig zu beschaffen und leicht zu vermehren. Neben der Forstwirtschaft profitierte auch die Landwirtschaft in den höheren Lagen des Westerwaldes von den eingeführten Fichten.

Sogenannte Riegelpflanzungen verminderten den über die Hochfläche fegenden Wind und erhöhten dadurch die landwirtschaftlichen Erträge. Der damalige Bergbau in unserer Region forcierte zusätzlich den Fichtenanbau, denn das Holz war eine Art Frühwarn-System für Grubenarbeiter: Es diente der Sicherheit. Drohte die Gefahr, dass ein Stollen zusammenbricht, knackte das Fichtenholz vorher. Andere Holzarten brechen ohne Vorwarnung zusammen. Die fortschreitende Industrialisierung und damit verbunden ein immenser Holzbedarf führten dazu, dass der Anteil der Fichte ständig zunahm. Mancherorts sank der Laubholzanteil so weit, dass drei von vier Bäumen Fichten waren.

Zusätzlich beschleunigten die beiden Weltkriege die Ausbreitung der Fichte, und setzten eine zweite große Anpflanzungswelle im Westerwald in Gang. Insbesondere sind die sogenannten „Franzosenhiebe“ hierfür verantwortlich. Alte Laubwälder wurden im Auftrag der Besatzungsmacht großflächig per Kahlschlag abgeholzt, das Holz als Reparation nach Frankreich gebracht. Mangels fehlender Alternativen wurden auch diese Waldstandorte mit Fichte bepflanzt. Die letzte Ausbreitungsphase in unserer Region ist dem Wirtschaftswunder und dem damit verbundenen Wohlstand geschuldet: Ab den 60er Jahren brauchten immer weniger Menschen den zuvor traditionell ausgeübten landwirtschaftlichen Nebenerwerb, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Brachfallende Wiesen und Felder wurden mit Fichten für Weihnachtsbäume aufgeforstet. So haben sich zwischenzeitlich daraus Fichtenwälder entwickelt.

AM WOCHENENDE: Sind wir damit also quasi Opfer unserer Habgier?

Best: So sieht es leider aus – Profitorientierung und maximale Ausnutzung der Ressourcen bestimmen auch heute noch das Handeln der meisten Menschen. Wie bereits erklärt, führte genau dieser Raubbau an den Wäldern zwangsweise zu einem Umdenken der Altvorderen. Der heute allgemeine Begriff der Nachhaltigkeit wurde nämlich aus der zuvor beschriebenen Holznot geboren. Die damaligen Förster entwickelten ein Konzept, um nur so viel Holz zu nutzen, wie entsprechend Bäume nachwachsen. Dieser Leitgedanke ist für das Überleben der Menschheit aktueller denn je. Der Klimawandel, der unseren Wäldern in Form des diesjährigen Rekordsommers arg zugesetzt hat, ist das Resultat eines seit 150 Jahren währenden Industriezeitalters und ständigen Wachstumsprozesses.

AM WOCHENENDE: Wie sieht denn dann die Zukunft der Fichte im Westerwald aus?

Best: Düster, ich denke, dass die Fichte im Westerwald künftig an den meisten der derzeitigen Standorte nicht überlebensfähig sein wird.

AM WOCHENENDE: Ist das gut oder ist das eher schlecht?

Best: Das sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen. Als gelernter Förster weiß ich, dass der Forstwirtschaft eine große Einnahmequelle entzogen wird. Als Ökologe sehe ich die Chance für einen Neuanfang. Auf den jetzt entstandenen Kahlflächen steigt die Artenvielfalt an. Der Waldboden bekommt nun mehr Licht und Wärme, die die Freisetzung von Nährstoffen fördern – die Ausbreitung von Lichtbaumarten und Wildkräutern wird begünstigt. Sie locken Schmetterlinge und andere Insekten an. Vogel- und Wildarten werden in diesen Bereichen stark zunehmen. Birken, Weiden und Eichen finden optimale Wuchsvoraussetzungen. An dieser Stelle ist es mir wichtig, auch die Bedeutung der Fichte für die Artenvielfalt ausdrücklich hervorzuheben. Ohne Fichten gäbe es keine höhlenbauenden Schwarzspechte oder hügelbauende Waldameisen.

AM WOCHENENDE: Was passiert mit den unzähligen Festmetern an Fichtenholz, die abgeholzt werden mussten?

Best: Das sogenannte Käferholz kann uneingeschränkt technisch verwendet werden; lediglich Verfärbungen können die Optik beeinträchtigen. Das Überangebot kann sich negativ auf den Holzpreis auswirken, weswegen die Fortwirtschaft versuchen wird, das Holz kontinuierlich auf dem Markt anzubieten. In diesem Winter wird ferner auf den geplanten Fichteneinschlag vorerst verzichtet. Mit der vorzeitigen Nutzung noch nicht hiebsreifer Fichten sind auch zukünftige Gewinne verloren und es gibt weitere Verdienstausfälle durch die entstandenen Zuwachsverluste an den überlebenden Bäumen. Zusätzlich entstehen hohe Kosten für die Wiederaufforstung.

Westerwald-Post Süd AW vom Samstag, 15. Dezember 2018, Seite 3 (49 Views)

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