Koblenzer Schängel

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Erinnern für die Zukunft – der 9. November in Koblenz

- von Joachim Hennig -

„An einem Novembertag hieß es in der Schule: Ihr müsst zum Florinsmarkt, dort hat man die Synagoge zerstört. In der großen Pause eilten wir vom Augusta-Gymnasium zum nahen Florinsmarkt. Der Platz war in seinem unteren Teil, zwischen Bürresheimer Hof (dem Sitz der Synagoge) und dem Alten Kaufhaus, mit Trümmern übersät. Ich erinnere mich an Teile von Stühlen und Bänken, an Glas- und Porzellanscherben, an verbeulte Metallkannen. Um diese Trümmer hatte sich eine Menge Schaulustiger versammelt. Keiner sprach ein Wort – ich weiß noch, dass mir diese Stille unheimlich, geradezu gespenstisch vorkam. Überall sah man auch Männer in brauner Uniform mit der roten Hakenkreuzbinde.“

Soweit der Zeitzeugenbericht eines Schülers über die Geschehnisse vor 80 Jahren, am 9. November 1938. Auch in Koblenz fand der von der NS-Führung inszenierte Novemberpogrom statt. Sie nannten es „Reichskristallnacht“, heute sagt man auch Reichspogromnacht“.

Justizzentrum gedenkt mit jüdischer Musik

Zur Erinnerung an diese Verbrechen und die jüdischen Nachbarn, die das damals erleiden mussten, gab es in der letzten Woche zahlreiche Gedenkveranstaltungen.

Sie begannen am Montag, dem 5. November, im Neuen Justizzentrum Koblenz. Die Präsidentin des Oberlandesgericht Koblenz Marliese Dicke hatte zu einem Abend mit jiddischen Liedern den Chasan (Kantor, Vorbeter) Daniel Kempin eingeladen. Kempin zeigte mit Liedern zu verschiedenen Anlässen die reiche jüdische Kultur der letzten Jahrhunderte und die Trauer über die Verfolgung und Ermordung der Menschen auf. Eröffnet wurde der Abend von Staatsminister Herbert Mertin, gefolgt von der Begrüßung und Grußworten von Marliese Dicke und dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs und des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz Lars Brocker. Der Autor dieser Zeilen ergänzte die Musik mit einer Skizze über die Verfolgung der Juden – von dem „Judenboykott“ am 1. April 1933, über die „Nürnberger Gesetze“ vom 15. September 1935 zum Novemberpogrom am 9. / 10. November 1938 und bis hin zu den Deportationen aus Koblenz.

Schüler verlesen Briefe zur Erinnerung

Der Freitag, 9. November, begann mit einer Gedenkstunde des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums in der Florinskirche. Nach der Begrüßung durch den Schulleiter Carl Josef Reitz stellte der Autor dieser Zeilen die Geschehnisse im November 1938 in den historischen Zusammenhang. Über den mittelalterlichen christlichen Antijudaismus mit den zahlreichen blutigen Pogromen kam er auf die Aufklärung und die Judenemanzipation im Zuge der Französischen Revolution („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“) zu sprechen. Um 1880 setzte dann eine Gegenbewegung ein, der Antisemitismus. Nach dieser „Weltanschauung“ waren „die“ Juden an allem Schuld – im Westen als Bankiers am Kapitalismus und im Osten als Revolutionäre am Kommunismus. Die Nazis übernahmen dieses Gift und diesen Judenhass und machten sie zu ihrer verbrecherischen Politik.

Wohin das führte, zeigten Schüler mit einer Lesung aus Briefen der Familie Herrmann. Den Herrmanns zerstörten die Nazis erst ihr Leben und brachten sie dann noch um. Der Briefverkehr der Eltern und ihrer kleinen Tochter Hannelore mit dem noch rechtzeitig ausgewanderten Sohn Kurt geben ein sehr eindrückliches Bild von der Familie in Koblenz – zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Bleiben und Gehen. Eine Flucht wurde immer schwieriger – und dann ist es zu spät. Am 22. März 1942 wurde die 13-jährige Hannelore zusammen mit ihren Eltern mit der 1. Deportation von Koblenz aus „nach dem Osten“ und in den Tod verschleppt.

Bürger gehen auf Spurensuche

Am frühen Abend des 9. November gingen mehr als 200 Koblenzer auf Spurensuche. Ein Gedenkgang mit Lichtern begann an der ehemaligen Synagoge am Florinsmarkt und mit dem eingangs zitierten Zeitzeugenbericht. Dann ging es zum Plan 20, zur Görgenstraße und zum Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Reichensperger Platz. An jeder Station gab der Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz Jürgen Schumacher eine kurze Einführung und Mitglieder des Koblenzer Jugendtheaters lasen aus Zeitzeugenberichte über den 9. / 10. November 1938.

Anschließend gingen viele noch in die Citykirche zum Gedenkgottesdienst des Dekanats Koblenz, des Evangelischen Kirchenkreises und der Alt-Katholischen Pfarrgemeinde St. Jakobus. In einer Collage zitierten die Veranstalter aus der Literatur sowie Nachrichtenmeldungen und Gesetzestexte des Jahres 1938, an deren Ende die Meldung des Koblenzer Nationalblattes über den Pogrom stand.

Kultusgemeinde findet warnende Wort

Den Abschluss der Veranstaltungen bildete am Sonntag, dem 11. November, die traditionelle Jüdisch-Christliche Feier im Gemeindesaal der Jüdischen Kultusgemeinde. In seinem Grußwort erinnerte der Vorsitzende der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Wolfgang Hüllstrung an die Ereignisse in Koblenz vor 80 Jahren. Der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Avadislav Avadiev und Oberbürgermeister David Langner stellten die Gefahr durch den Antisemitismus in den Mittelpunkt ihrer Ansprachen. Vorsitzender Avadiev brachte die großen Sorgen vieler Juden in Deutschland über den zunehmenden und immer stärker akzeptierten Antisemitismus zum Ausdruck. Oberbürgermeister Langner wandte den Blick zurück auf die Entstehung des Antisemitismus in Deutschland, seine Verbreitung vor 100 Jahren und seine verbrecherische Übernahme durch die Nazis. Mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft endete er mit den Worten: „Wir wissen aus der Geschichte, wohin das führen kann.“ Deutlich wurden in den Ansprachen der Redner, dass der „Firnis der Zivilisation“ (so der Schweizer Soziologie Kurt Imhof) heute (noch) dünn ist und die Anstrengungen von uns allen nötig sind.

Nach dem vom Kantor der Kultusgemeinde vorgetragenen hebräischen Klagepsalm (Psalm 79), einer biblischen Lesung über Joseph und seine Brüder in Ägypten und der Ansprache hierzu von Pater Eric Riechers, SAC, Vallendar sowie einem Friedensgebet begaben sich die Gäste auf den Friedhof und zur Kranzniederlegung am Mahnmal durch Oberbürgermeister David Langner. Das sehr würdige Gedenken endete mit jüdischen Gebeten.

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 14. November 2018, Seite 13 (5 Views)

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