Westerwald-Post Süd AW

Wählen Sie hier das Datum aus, um sich eine Ausgabe von LokalAnzeiger oder AM WOCHENENDE anzusehen

Das E-Paper-Archiv von LokalAnzeiger und AM WOCHENENDE

Wählen Sie hier die Ausgabe, die Sie gerne lesen möchten und bestimmen Sie den Erscheinungstag. Oder stöbern Sie einfach in der Übersicht. Viel Spaß!

 

Der Gemündener Posaunenchor hält der Musik seit 125 Jahren die Treue

Eines der ältesten Ensembles innerhalb der EKHN feiert ein klangvolles Geburtstagsfest im November

-von Peter Bongard-

GEMÜNDEN. Ob die fünf Handwerker geahnt haben, was sie da tun? Eigentlich wollen die Stuckateure aus Gemünden nur Musik machen, als sie sich im Jahr 1893 zum ersten Mal treffen. Damals hätten sie wahrscheinlich nicht gedacht, dass der neu gegründete Verein zwei Weltkriege überlebt und noch 125 Jahre später musiziert. Damit gehört er nach den Ensembles aus Klein-Linden und Langgöns zu den drei ältesten innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Um etwas über die Anfangsjahre des Posaunenchores zu erfahren, braucht es schon ein gewisses Maß an detektivischer Akribie. Der Wengenrother Stefan Ferger ist leidenschaftlicher Heimatforscher. Er durchforstet alte Schriftstücke, Zeitungsberichte und Protokolle und fasst sie nun in einer Festschrift zusammen. Den ersten dokumentierten Auftritt findet er in einer Schulchronik des Jahres 1895. Damals hat der „Trompetenchor“ die Zuhörer im Gottesdienst „durch stimmungsvolle Musik erbaut und einen Festzug untermalt“, an dem sich die „Schuljugend und der Krieger- und Gesangsverein von Gemünden“ beteiligt haben, wie es heißt.

Pfarrer Karl Reitz ist eifriger Unterstützer

Das nächste Mal wird das Ensemble erst während der Kreissynode Marienberg (noch ohne „Bad“) im Jahr 1902 erwähnt. Außerdem schreibt das Kreisblatt von einem „Lichtbildervortrag“, den der Posaunenchor im gleichen Jahr begleitet. Der damalige Pfarrer Karl Reitz sorgt schließlich dafür, dass sich die Informationslücken allmählich schließen. Während seiner Amtszeit wird deutlich häufiger über den Posaunenchor berichtet. Wir erfahren von Instrumenten, die die Gemeinde für die Musiker anschafft; es gibt handgeschriebene Notenbücher, und alte Berichte erzählen vom Musizieren bei „Vaterländischen Festen“.

Das Vokabular ist eben ein anderes als heute. Und die Verbindung zwischen Kirche und Thron ist sehr eng. Trotzdem legt der Posaunenchor damals wie heute Wert darauf, dass er eine kirchliche Gruppe ist: Um 1910 nennt er sich in „Evangelischer Musikverein ,Hoffnung’ Gemünden“ um – ein Name, der deutlich zeigt, welchem Herren die Musiker dienen.

Nach beiden Kriegen zurückgekommen

Aber die politische Wirklichkeit macht auch vor einem geistlichen Ensemble nicht Halt: Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, werden viele Musiker einberufen. Die Arbeit des Posaunenchores kommt zum Erliegen, drei Musiker fallen dem Krieg zum Opfer.

Das Jahr 1920 erlebt indes nicht nur die Wiedergeburt der frisch renovierten Gemündener Stiftskirche, sondern auch die des Posaunenchores. Doch der nächste Rückschlag folgt: 1923 stirbt Pfarrer Reitz, ein besonders eifriger Chronist und Unterstützer des Ensembles. Über die folgenden Jahre ist deshalb nur wenig bekannt – wohl aber, dass die Verquickung von Weltlichem und Geistlichem auch vor dem Chor nicht Halt macht. Das ist manchmal amüsant, wenn angedeutet wird, dass einige Bläser auch im Tanzmusikverein aufspielen. Manchmal ist es auch ausgesprochen traurig. Denn ein paar Musiker sind sowohl im Posaunenchor als auch in der SA-Kapelle aktiv. Während des Zweiten Weltkriegs liegt der Chor wieder am Boden und wird 1945 vom Dirigenten und Gründer August Ferger reanimiert. Da das 25-jährige und 50-jährige Bestehen in die Kriegsjahre fallen, feiern die Bläser 1948 ihr 55-jähriges Bestehen.

1956 stirbt mit August Ferger schließlich das Urgestein des Chores. Seine Nachfolge tritt Helmut Schmidt an. Unter ihm bekommt der Chor in diesem Jahr zwar einen festen Proberaum; das Engagement der Gemeindemitglieder lässt damals allerdings zu wünschen übrig. Trotzdem hält sich die Gruppe und macht jahrelang treu ihre Arbeit – inzwischen auch bei weltlichen Anlässen wie der Kirmes.

Ein besonderer Auftritt

Seinen wohl beeindruckendsten Auftritt erlebt der Posaunenchor 1979 anlässlich der 1100-Jahr-Feier von Kirche und Dorf: Gemeinsam mit dem Posaunenchor der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde bieten die Bläser niveauvolle Musik und gestalteten Festkommers, einen Unterhaltungsabend mit weltlichen Klängen und einen Abend der Kirchenmusik in der Stiftskirche. Inzwischen gehört der Chor auch dem Posaunenchorwerk der EKHN an und pflegt gute Kontakte zum Dachverband. 1985 steht Achim Fasel an der Spitze des Ensembles; ab 1996 dann Christoph Rethmeier, unter dem sich im Laufe der Jahre die Ausbildung von Jungbläsern etabliert.

Der Nachwuchs ist aber die große Herausforderung für das Ensemble. Viele Jugendliche bleiben nur einige Jahre im Chor und verabschieden sich ins Studium oder Berufsleben. Daran kann auch das Engagement der neuen Kantorin Dorothea Uibel nichts ändern, die den Posaunenchor von 2003 bis 2014 leitet. Der fehlende Nachwuchs bleibt auch beim Gemündener Posaunenchor ein Problem, der inzwischen unter dem neuen Dirigenten Uli Ferger gute Arbeit für Kirche und Ortsgemeinde macht.

Es sind nicht die großen Konzerte, durch die der Evangelische Posaunenchor Gemünden von sich reden gemacht hat. Es ist das treue Musizieren, das das Ensemble auszeichnet, seitdem es von fünf Handwerkern 1893 ins Leben gerufen wurde: in Gottesdiensten, bei Geburtstagen, Gedenkfeiern, bei Seniorenfeiern der Ortsgemeinde. 125 Jahre Musik; nah am Menschen und zum Lobe Gottes.

Das Fest zum 125. Geburtstag des Evangelischen Posaunenchores Gemünden beginnt am Sonntag, 4. November (14 Uhr), in der Stiftskirche. Beim anschließenden Empfang im Dorfgemeinschaftshaus spielen auch Gastposaunenchöre und es gibt Kaffee und Kuchen. Am Samstag, 24. November (18 Uhr), spielt Frechblech, das Soloquintett des Evangelischen Dekanats Westerwald in der Stiftskirche, und ein Musikalischer Abendgottesdienst in der Stiftskirche schließt die Feierlichkeiten am Samstag, 1. Dezember (18 Uhr), ab.

Westerwald-Post Süd AW vom Samstag, 3. November 2018, Seite 7 (40 Views)

ZURÜCK ZUR SEITE

 

<   November   >
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30