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Der Schutzengel muss mitspielen

Bombenentschärfungen gehören bei Horst Lenz zur Tagesordnung

- von Marlies Becker -

NEUWIED. Horst Lenz, Mitte der Fünfziger geboren, wuchs im heutigen Neuwieder Vorort Irlich auf. Heute arbeitet er als Leiter des Kampfmittelräumdienst und hat in seinem Leben schon unzählige Bomben entschärft. Bis zu zwölf Stunden können die Entschärfungseinsätze dauern.

In Irlich besuchte er als Kind die Sankt-Georgs-Grundschule, ging in der gegenüberliegenden Sankt-Peter-und-Paul-Kirche zur Erstkommunion und probierte auch mal das Messdienen aus. Lieber aber streifte er mit seinem Freund Ulli durch die Wied-Auen und spielte im nahen Schlosspark, der damals, wie er sagt, noch recht verwildert war. Nach acht Jahren Schule in Irlich begann der technisch begabte junge Mann eine Lehre als Maschinenbauer bei Rasselstein. Dort arbeiteten früher die meisten Menschen aus Irlich. In der Familie Lenz, so erzählt der heutige Leiter des Kampfmittelräumdienst, war die Oma allerdings der Meinung, ihre drei Jungs sollten etwas lernen, wovon sie die Familie ernähren konnten . So wurde einer Bäcker, einer Metzger und der dritte ging auf den Bau. Ein Handwerk, was gerade in Irlich gebraucht wurde, denn hier hatten die Bomben, die an der Brücke die Bahnverbindung zerstören sollten, ganze Arbeit geleistet. Über 2500 Geschosse hatten nicht nur die Brücke zerstört, sondern auch zahlreiche Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Hier war der Maurer gefragt. Für die Reste der Bomben war dann zumindest nach dem Jahr 1984 Horst Lenz zuständig, denn nicht alle hatten die Brücke getroffen. Zahllose dieser Relikte kamen in den letzten 73 Jahren bei Baggerarbeiten, oder wie kürzlich bei Niedrigwasser, zum Vorschein.

Ein faszinierendes Buch

Zurück zu Horst Lenz, der seine ersten Munitionskenntnisse beim Bund erwarb und dann in vielen Fortbildungen und unzähligen Einsätzen sein Wissen erwarb und aus seinen Erfahrungen lernte. Ein Buch, das ihm in seiner Jugend in die Finger fiel, hatte ihn fasziniert. Autor Manfred Rauschert berichtete in diesem über Forschungsreisen in Südamerika, über Indianervölker und Munition. Mit dem Lesen dieses Buches wurde sein Interesse geweckt und seine Laufbahn nahm Fahrt auf. Die Volkshochschule wurde für ihn zur zweiten Heimat.

Hier machte er auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur und lernte Russisch. Diese Sprache hat für ihn, so erzählt er, einen guten Klang. Etwas unverständlich für seinen inzwischen verstorbenen Vater, aber in späteren Jahren durchaus brauchbar für Horst Lenz. Im Jahr 1995 lernt er, frisch geschieden, Raissa kennen. Die damals junge unverheiratete Frau aus Russland war gerade bei Bekannten zu Gast. So kam es zu einem ersten Kennenlernen, das später den Gang zum Standesamt zur Folge hatte. Mit Raissa habe er die ideale Partnerin gefunden, schwärmt Horst Lenz.

Die Gefahr ist immer da

Nach einigen beruflichen Stationen rund um die Eifel, hat die Familie nun in Münstermaifeld eine Heimat gefunden. Nach dem Tod seiner Eltern sind seine Besuche an Rhein und Wied weniger geworden. Die kontrollierte Bombensprengung Anfang September am Rheinufer war sozusagen ein Heimspiel. Hier nimmt er sich trotz seiner vielen Arbeit (das Telefon steht selten still) Zeit, den Kollegen die Überbleibsel etlicher Bombeneinschläge nahe der Wiedbrücke zu zeigen, die er seit seiner Jugend kennt. Auch der Schießkanal ist dabei. Der Kanal, der früher ungeklärt das Abwasser der Bewohner in den Rhein beförderte, riecht heute anders, erzählt Lenz.

Wie viele Bomben der Vater von vier Söhnen in seinem Berufsleben entschärft hat, kann er nicht mehr sagen. Aber erzählen kann er viel, von seinen spannenden Einsätzen im Land. Nicht immer gehen solche Sprengungen gut aus. Einmal sah sich Lenz schon fast im Himmel, als ein Sprengkopf nicht explodierte und er beim Nachschauen ein Klicken hörte. Da aber schien er, wie schon so oft, einen Schutzengel gehabt zu haben.

Der Mann hat einen Bomben-Job, nur kaum einer möchte mit ihm tauschen. Die Gefahr ist immer da und seine Frau Raissa zittert in Münstermaifeld bei jedem Einsatz mit. Dann wartet sie sehnsüchtig auf das Klingeln des Telefons, bis Horst Lenz ihr vom guten Ausgang der Sprengung erzählt.

Neuwied AW vom Samstag, 3. November 2018, Seite 4 (39 Views)

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