Weißenthurmer Kurier

Wählen Sie hier das Datum aus, um sich eine Ausgabe von LokalAnzeiger oder AM WOCHENENDE anzusehen

Das E-Paper-Archiv von LokalAnzeiger und AM WOCHENENDE

Wählen Sie hier die Ausgabe, die Sie gerne lesen möchten und bestimmen Sie den Erscheinungstag. Oder stöbern Sie einfach in der Übersicht. Viel Spaß!

 

Der Coup gegen Kamerun kostet den Job

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

Lesen Sie heuten den zweiten Teil von Rudis Engagement in Simbabwe.

Ich traue meinen Augen nicht. Die Meldung meiner Ablösung als Trainer von Simbabwe hat mich verwirrt. Sofort breche ich meinen Urlaub in Sydney ab und fliege nach Harare zurück, um zu checken, was los ist. Vielleicht steckt eine Intrige dahinter.

Auf dem Flughafen empfangen mich viele Journalisten, ein TV-Team sowie auch mein Vorgänger und veremintlicher Nachfolger Reinhard Fabisch, der mir versichert, nichts mit der Meldung zu tun zu haben.

Ich kann meine Arbeit fortsetzen, aber ein übler Nachgeschmack bleibt: Die Meldung ist von Millionen Menschen gelesen worden, bei denen sich die Assoziation im Kopf festsetzte: Gutendorf ist wieder mal irgendwo rausgeflogen.

In Harare gelingt uns ein 2:1-Sieg gegen Favorit Zaire, und die Arbeit in Simbabwe macht mir trotz des dummen Vorfalls Spaß. Bis zum Africa Cup im nächsten Jahr würde ich gerne bleiben. Mit Fabisch einige ich mich, er wird zum technischen Berater ernannt. Es ist klar, dass ich eng mit ihm zusammenarbeiten würde, schließlich hat er die Mannschaft zwei Jahre lang trainiert und kennt die Spieler besser als ich.

Vor dem nächsten Spiel gegen Kamerun will ich meinen verhunzten Weihnachtsurlaub nachholen. Ein Reiseunternehmen aus Harare stellt mir ein Sportflugzeug mit Piloten kostenlos zur Verfügung, plötzlich bin ich in Simbabwe zu einem Werbefaktor geworden.

Eindrucksvolle Victoria Falls

Wir steuern zuerst die Victoria Falls an, die große landschaftliche Attraktion im Vier-Ländereck zwischen Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe. Ich bin tief beeindruckt: Die Victoria Falls sind noch schöner und gewaltiger als die Niagara-Fälle. Der Schaum und Dunst des Sambesi erreicht uns noch in unserer Maschine. Der Flug geht weiter, in niedriger Höhe über eine noch ursprüngliche Landschaft mit einer einzigartigen Tierwelt. Fasziniert schaue ich über die endlosen Weiten und entdecke zuweilen Hüttendörfer der Ndebele und der Shona, die sich malerisch über das wunderschöne Land verstreut haben. Kamerun, unser nächster Gegner, ist nicht irgendwer. Kamerun hat es 1990 bei der Weltmeisterschaft bis ins Viertelfinale geschafft und wurde dort nur knapp in der Verlängerung von England besiegt. Auch 1994 war das Land bei der Weltmeisterschaft vertreten. „Die Löwen“ würden beim WM-Turnier 1998 in Frankreich mitspielen und bei Olympia 2000 sogar olympisches Gold gewinnen. Kamerun ist eine der stärksten Fußballmächte in Afrika und der beste Beleg dafür, dass dieser Kontinent den Fußballhochburgen Europa und Südamerika ebenbürtig sein könnte.

Vor der Begegnung gegen diese übermächtige Mannschaft gehen wir für zehn Tage ins Trainingslager. Es wird ein grandioses Spiel. Wir schlagen die „Löwen“ mit 4:1, vor 70 000 Zuschauern und in Anwesenheit von Staatspräsident Robert Mugabe. Immer wieder sehe ich mir das Video an und kann es immer noch nicht glauben. Seit langem mal wieder bin ich stolz darauf, eine so gute Mannschaft mit geformt zu haben.

Ein Einheimischer soll auf die Bank

Doch dann kommt es so, wie es kommen muss. Ganz plötzlich fühlen sich die Verbandsfunktionäre stark genug und meinen, ein Einheimischer solle wieder die Verantwortung für ihre Nationalmannschaft übernehmen. Das Team sei stark genug, auch ohne ausländischen Trainer den Triumph komplett zu machen. Es ist immer das Gleiche. Man will gern einen Schwarzen auf der Trainerbank sehen, der Weiße soll im Hintergrund arbeiten und sich bei Erfolgen unsichtbar machen. Das mag angesichts der Geschichte des oft gebeutelten schwarzen Erdteils verständlich sein. Aber meine Verdienste zu verleugnen – das kann und will ich nicht.

Beim nächsten Spiel gegen Malawi führt mein Assistent Gibson Homella die Mannschaft und ist für Taktik und Aufstellung verantwortlich. Was schlimmer ist, er lässt mich fühlen, dass er jetzt der Boss ist. Es geht prompt schief. Bereits zur Pause liegt Simbabwe, mein Team, 0:1 im Rückstand. Dann geht's in der Halbzeit drunter und drüber. Gibson Homella redet beim Pausentee wie ein Trommelfeuer auf die Spieler ein. Die kommen überhaupt nicht zur Ruhe. Anstatt ruhig und abgeklärt klare Anweisungen zu geben, irritiert er die Spieler immer mehr. Die schauen mich hilfesuchend an. Zu allem Überfluss ist während der ersten Halbzeit auch noch in die Mannschaftskabine eingebrochen worden. Mir wird meine beste Lederjacke geklaut und unserem Torhüter Bruce Grobbelaar die goldene Uhr. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass Simbabwe im zweiten Durchgang konzentriert und zielstrebig darangeht, das Ergebnis umzudrehen. Man schafft zwar noch den Ausgleich, doch mehr ist nicht drin.

Aber mir ist während der Pause wohl der Gaul durchgegangen. „Gibson, shut up! Du quatschst zu viel! Du machst alle nervös. Du hast nichts von mir gelernt.“ Recht hatte ich, doch das war alles andere als diplomatisches Feingefühl. Die Verbandsoberen wollen es nicht auf sich sitzen lassen, dass ein Weißer ihren Mann anschnauzt. Fürs nächste Spiel in Zaire habe ich überhaupt nichts mehr zu sagen. Ich fliege nicht mit der Mannschaft nach Kinshasa. Das Spiel endet mit einem Fiasko: 0:5. Nicht nur der Punktevorsprung, sondern auch das gute Torverhältnis sind mit einem Schlag weg. Damit war der Traum von der Endrunde im Africa Cup ausgeträumt – es wäre der größte Erfolg des simbabwischen Fußballs gewesen.

Ich aber, der es geschafft hatte, die Nationalmannschaft auf der offiziellen Weltrangliste um mehr als 20 Plätze auf die 41. Position zu bringen, konnte mir nur noch aus der Ferne deren Abschneiden ansehen. Gibson wurde sofort gefeuert. Der Nachfolger war nach dem Desaster wieder ein Weißer, der Engländer Mike Buxton. Nach sieben Monaten war meine Gastrolle in Simbabwe endgültig beendet. Ich verlor kein einziges Länderspiel und wurde trotzdem abserviert, und die Presse sanktioniert alle Entscheidungen von oben kritiklos.

Sie muss! Hakuna Tabu sagen die Ostafrikaner oft. Es heißt: Kein Probleme, take it easy, alles löst sich von selbst. Statt „Auf Wiedersehen“ sage ich jetzt auch: „Hakuna Tabu“.

In der nächsten Woche folgt ein weiterer Teil über den afrikanischen Fußball.

Weißenthurmer Kurier vom Mittwoch, 26. September 2018, Seite 5 (33 Views)

ZURÜCK ZUR SEITE

 

<   September   >
Mo Di Mi Do Fr Sa So
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30