Weißenthurmer Kurier

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Unangenehm – Triumph und Frust in Harare

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

Genauso habe ich mir in meiner Jugend Afrika vorgestellt: Dichter Dschungel bis zu meinem Garten, mit Schlangen und unbekanntem Getier, das sich durch den defekten Maschendraht verzieht, wenn ich auf der Terrasse den Stuhl rücke. Nachts knacken dürre Äste, und die Augen von Wildtieren leuchten geheimnisvoll hinter dem Gartenzaun. Wenn ich mit meiner starken Taschenlampe hinleuchte, knackt es wieder, aber ich erkenne nichts. Mein Koch beruhigt mich: „Coach, es wimmelt hier von Hyänen aber keine Sorge, sie haben Angst vor Menschen.”

Als ich nachts Löwen brüllen höre, ziehe ich dann doch besser um von meinem Haus außerhalb der Stadt in Mikles Hotel, mitten in Harare. Der Fußballverband von Simbabwe hat mich als Nationaltrainer verpflichtet. Der bisherige Trainer, Reinhard Fabisch aus Westfalen, war beliebt und erfolgreich gewesen, doch jetzt hatte ihm die Fifa eine einjährige Sperre aufgebrummt. Fabisch hatte einen Schiedsrichter während des Qualifikationsspiels für den Africa Cup bedroht und mit Geldscheinen beworfen. Ein symbolischer Bestechungsvorwurf.

Da erschien ein reicher Sponsor mit eigenen Geschäftsinteressen auf der Bildfläche. Der Sohn des früheren Öl- und OPEC-Ministers Yamani finanzierte dem Nationalteam von Simbabwe einen Trainer – mich!

Die Presse munkelte, Yamani wolle gern den Zuschlag für den Bau eines Großflughafens in Harare bekommen. Jedenfalls überwies er mir das Gehalt für drei Monate im Voraus. Viel später erfuhr ich: Er hat den Großflughafens in Harare für das 80-Mio.-Dollar-Projekt erhalten.

Der Sohn sollte alles verändern

Mit der Geburt meines Sohnes Fabian sechs Jahre zuvor hat sich meine Lebenssituation gründlich geändert. Er soll in Deutschland zur Schule gehen. Das sollte auch für mich der Anfang eines bürgerlichen Lebens sein. Aus mit dem Traumleben als Globetrotter, wenn auch nicht Schluss mit dem Fußball: Trainer hören nicht einfach auf! Ich habe in der Bundesliga ebenso wie in aller Welt, mit Profis ebenso wie mit Amateuren und Jugendlichen Erfahrungen gesammelt. Diese Erfahrungen möchte ich jetzt Verbänden und Institutionen zugänglich machen. Ich will nicht mehr „field coach“ sein. Lange genug habe ich das Messer im Nacken gespürt, wenn ich auf der Bank saß und das Spiel schlecht lief. Ich habe lange genug den Eiertanz zwischen Schlagzeilen der Medien und bekloppten Managern oder Präsidenten getanzt. Seit meinem schweren Trainingsunfall in China (ein kleiner Spieler unterlief mich beim Kopfballtraining, ich fiel platt mit dem Rücken auf den Hartplatz) habe ich Probleme und Schmerzen an der Wirbelsäule. Aber ich muss ja nicht mehr beim Konditionstraining vorauslaufen. Ich träume von einem Job als Teamchef wie „Kaiser Franz“ und entscheide zusammen mit meiner Frau Marika: möglichst keinen Job mehr in der Dritten Welt! Das war vor einigen Wochen. Dann kam der Anruf aus Simbabwe . . .

Ich bin in einem Land, das erst vor fünf Jahren seine Unabhängigkeit erhalten hat und noch unter den Folgen der politischen Umbrüche leidet. Staatspräsident Robert Mugabe war zugleich der Revolutionsführer, ein machtbewusster Mann, der sich wie alle Regierungsmitglieder mit Comrad (Kamerad) ansprechen lässt, für Demokratie aber nicht viel übrig hat. Seine Regierungspartei, die Zanu, hängt einem antiquierten Sozialismus an, der das Land bald ruiniert hat. Um von seinen Fehlern abzulenken und seine Herrschaft zu erhalten, schürt Mugabe einen Rassismus gegen die Weißen im Land. Fast täglich organisiert die Zanu Umzüge in den Straßen von Harare, mit Trommeln und mit Transparenten, auf denen sinngemäß steht: „Weiße raus, damit wir Schwarzen Arbeit bekommen.“

Für mich, den weißen Nationaltrainer, ist die Situation zwar nicht direkt bedrohlich, aber es ist unangenehm, hier zu leben und zu arbeiten. Die armen, einfachen Menschen sind traditionell gastfreundlich wie überall in Afrika. Aber die Funktionäre blasen sich auf vor Arroganz, besonders den Weißen gegenüber, denen sie jeden Erfolg neiden.

Mein Boss, der Präsident der Simbabwe Football Association, heißt Leo Mugabe. Er ist ein Neffe des Präsidenten, und er verhält sich auch so. Vom Fußball hat er überhaupt keine Idee. Er macht nur dann etwas Sinnvolles, wenn er gar nichts macht. Das große Ziel heißt Qualifikation zum Africa Cup, vergleichbar mit der Europameisterschaft bei uns. Nie zuvor war es Simbabwe gelungen, an der Endrunde der Afrikameisterschaft teilzunehmen. Reinhard Fabisch hatte die Qualifikation beim letzten Cup beinahe geschafft, und ich glaube, wir können es diesmal wirklich packen.

Wie immer führe ich ein straffes Regiment ein. In der Vorbereitungszeit auf ein Qualifikationsspiel herrscht absolutes Rauch- und Alkoholverbot, und Frauen sind im Trainingslager mindestens genauso unerwünscht wie Telefonanrufe. Die Spieler sollen sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren. Schwer in Afrika!

In Gedanken habe ich die Spiele längst durchgespielt. Ich werde den Riegel zelebrieren. Die Spieler dafür sind vorhanden, ich habe zwei starke Innenverteidiger, einen Klasse-Libero und zwei extrem schnelle Jungs auf der Außenverteidiger-Position. Bruce Grobbelaar, der beim FC Liverpool spielt, steht als Weltklassemann im Tor. Gegen das Homeland Lesotho gewinnen wir 5:0 und 2:0. Unser nächster Gegner heißt Zaire, das heutige Kongo. Eine Mannschaft, die weitaus höher eingeschätzt wird als mein Team.

Von Meldung verwirrt

Vor dem Spiel mache ich mit meiner Familie zwei Wochen Urlaub in Sydney. Beim Frühstück fällt mir fast der Löffel mit dem Ei aus dem Mund, als ich das Fax eines Freundes aus Koblenz lese. Er hat aus der ,,Bild-Zeitung“ vom 31. Dezember 1994 zitiert: „Rudi Gutendorf (68) hat auf seinen 52 weltweiten Trainer-Stationen mehr erlebt als alle Bundesliga-Kollegen zusammen. Doch jetzt steht der Paradiesvogel des deutschen Fußballs vor einem Problem: Rudi Ratlos weiß selber nicht, ob er noch Nationalcoach von Simbabwe ist. Jenseits von Afrika tobt ein deutscher Trainer-Krieg: Rudi Gutendorf gegen Reinhard Fabisch.“ Dann lese ich auch noch eine Meldung des „Sportinformationsdienstes“: „Fabisch neuer Trainer von Simbabwe.“

Ob und wie es in Simbabwe weiter geht, lesen Sie nächste Woche.

Weißenthurmer Kurier vom Mittwoch, 19. September 2018, Seite 12 (18 Views)

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