Koblenzer Schängel

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Für eine Else-Milz-Straße

-von Joachim Hennig-

KOBLENZ. Der „Heimatbesuch“ dreier Holocaust-Überlebender in ihrer alten Heimat vor zwei Wochen hat uns wieder deutlich gemacht, wie wichtig es ist, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit und an die Menschen, die sie erleiden mussten, wach zu halten.

Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker formulierte es in seiner Ansprache zum 7. Mai 1985 so treffend: „Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Auch deshalb ist es wichtig, die Vergangenheit in unseren Straßen(namen) wach zu halten – nicht die Erinnerung an die NS-Täter, sondern an die Opfer. Danach muss die Hans-Bellinghausen-Straße in Koblenz-Neuendorf, die einen NS-Propagandisten ehrt, schnell umbenannt werden. Am besten nach einer Widerständlerin gegen das NS-Regime aus Neuendorf. Davon gibt es nicht viele, eine solche aber war Else Milz, eine Kommunistin.

Eine Kommunistin, nach der soll man eine Straße benennen? Aber ja! Else Milz wollte nicht die Weltrevolution, vor und nach Hitler kämpfte sie für die sozial Schwachen und Benachteiligten und half Verfolgten. Das tat sie als Mitglied der KPD.

Einsatz für sozial Schwache

Geboren wurde sie als Elisabeth Felden am 25. März 1892 in Eschweiler bei Aachen und war gelernte Kontoristin. Als verheiratete Else Kranz war sie in Koblenz am Ende der Weimarer Republik für die KPD aktiv, war Vorsitzende des Roten Frauen- und Mädchenbundes und der Roten Hilfe. Bei Demonstrationen und Versammlungen der KPD trat sie als Rednerin auf. Sie sprach über die Weltwirtschaftskrise, die Entwicklung der Sowjetunion und „Frauen im Kampf“. Ab April 1931 war sie Mitglied des Stadtrats Koblenz. Als die Not der sozial Schwachen auf der Höhe der von Brüning betriebenen Deflationspolitik mit allein über 6 Millionen Arbeitslosen im Februar 1932 riesengroß war, machten sich die Kommunisten zum Sprachrohr der stummen breiten Masse und kämpften vor allem vor Ort für eine höhere Erwerbslosenfürsorge. Auch waren sie entschiedene Gegner der „Hitler-Bewegung“. Else Milz war in diesen Auseinandersetzungen und Kämpfen als KPD-Funktionärin vor Ort mit dabei.

Im Dezember 1932 schied sie aus dem Stadtrat aus. Zwei Monate später wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Weitere sechs Wochen später, zur gleichen Zeit, als die Nationalsozialisten im Stadtvorstand und im Stadtrat die Macht übernahmen, kam Else Kranz am 16. März 1933 zum ersten Mal in „Schutzhaft“. Dort blieb sie bis zum 20. Juli 1933 – bis die „nationale Revolution“ von Hitler für beendet erklärt wurde.

Unter ständiger Beobachtung

Drei Wochen kam sie in Untersuchungshaft unter dem Vorwurf des Verrats militärischer Geheimnisse. Deswegen wurde sie vom Landgericht Koblenz Ende 1933 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, die mit der Untersuchungshaft als verbüßt galten. Im März 1934 folgte eine weitere, kurzzeitige „Schutzhaft“, von Mitte April bis Mitte August 1937 eine weitere und eine dritte „Schutzhaft“ von Anfang Januar bis Mitte Mai 1938. Immer war sie in zermürbender Einzelhaft der Koblenzer Gestapo. Der Grund dafür war stets – wie ein Polizeibeamter, der ihr unmittelbarer Nachbar war, später aussagte – allein ihre Gesinnung als ehemalige Kommunistin – die KPD war ja schon längst verboten. Dieser Nachbar berichtete auch, dass sie unter ständiger Beobachtung eines Gestapobeamten stand, der in der Nähe wohnte.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kam Else Milz, wie sie nach ihrer Wiederverheiratung hieß, am 1. September 1939 in die sogenannte A-Kartei-Aktion. Mit ihr verhaftete die Gestapo – aus Angst vor Unruhen wegen der Kriegstreiberei Hitlers – mindestens 850 Gewerkschafts-, SPD- und KPD-Funktionäre. Else Milz verschleppte man in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Das war die schwerste Zeit ihrer Verfolgung. Sie musste in der Kläranlage arbeiten, später im Moor. Im kalten Winter erlitt sie Erfrierungen. Am 25. März 1940 wurde sie entlassen. Die in der Haft erlittenen Erkrankungen blieben – Herzbeschwerden, Atemnot, Schwindel, Erfrierungen.

Danach war sie noch zweimal in „Schutzhaft“ der Gestapo: von Mitte April bis Mitte Juni 1941 und kurzzeitig nach dem 20. Juli 1944 im Rahmen der Aktion „Gewitter“ (oder „Gitter“). Insgesamt war sie 27 Monate im Gefängnis oder im Konzentrationslager.

Nach der Befreiung war Else Milz wieder politisch aktiv als Kommunistin und als Stadträtin. Ihre Berufstätigkeit musste sie beenden, nachdem sich die Ohnmachtsanfälle häuften. Sie zog sich zurück und starb 1967.

Straßenbenennung für Else Milz?

Schon einmal hat der Stadtrat Else Milz ausgegrenzt und bei einer Straßenbenennung „durchfallen“ lassen. Als die Stadt Straßen nach den Stadträtinnen Maria Detzel und Helene Rothländer benannte, hätte man eine nach der Stadträtin Else Milz benennen können. Stattdessen entschied man sich für Veit Rummel, der bis zu seinem Tod im Jahr 1937 gänzlich unbehelligt blieb.

Else Milz statt Dr. Hans Bellinghausen, den NS-Propagandisten und Leisetreter, der sich seinen Vorgesetzten nur auf Zehenspitzen näherte. Ob das der Stadtrat auch erkennt?

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 29. August 2018, Seite 13 (18 Views)

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