Koblenzer Schängel

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Heimatbesuch: Reise in eine gemeinsame Vergangenheit

-von Joachim Hennig-

KOBLENZ. Es ist jedes Jahr ein sehr emotionaler Aufbruch in die Vergangenheit und auch in die Gegenwart: der „Heimatbesuch“ von ehemaligen jüdischen Bürgern aus Koblenz und Vallendar. Und das für beide Seiten: Für Heimatbesucher aus Deutschland und dem Ausland und für die besuchten Koblenzer und Vallendarer.

Den Heimatbesuch gibt es auch in anderen Städten. Dort ist er aber sehr oft ein einmaliges Treffen gewesen. Das Besondere in Koblenz ist, dass der Besuch eine lange und gute Tradition hat. Auf Einladung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft fand er zum ersten Mal Mitte der 1980er Jahre statt. Dann folgten die Einladungen jedes Jahr.

Dieses Jahr ist es der 32. Heimatbesuch. In einem Jahr ist er ausgefallen. Das ist schon so lange her, dass niemand mehr den Grund dafür weiß. Inzwischen haben diese Besuche eine eigene Geschichte. Viele kamen auf Besuch und kamen gern wieder. Die allermeisten können nicht mehr kommen. . .

In diesem Jahr konnte die Christlich-Jüdische Gesellschaft für Brüderlichkeit drei Heimatbesucher begrüßen: Werner Appel aus Frankfurt/Main, seine Schwester Ruth Homrighausen aus Oberbayern und Lea Sassoon aus Tel Aviv/Israel. Für sie und ihre Angehörigen hatten die Koblenzer wieder ein abwechslungsreiches und interessantes Programm vorgesehen.

Interessantes Programm für die Heimatbesucher

Es begann mit einem Begrüßungsempfang im Hotel Brenner, dort wohnten die Besucher auch. Am Montag gedachten die Teilnehmer auf dem jüdischen Friedhof mit einem Totengebet ihrer verstorbenen Angehörigen. Nach einem musikalischen Auftakt von Pater Alban Rüttenauer am Klavier berichtete Lea Sassoon im Gemeindesaal der Koblenzer Synagoge über „Fünf Lieblingsorte in Israel“.

Am Dienstag ging es mit dem Schiff nach Boppard. Dort besuchte man die ehemalige Synagoge in der Binger Gasse 35. Seit fast 30 Jahren ist sie im Privatbesitz des Augenoptikermeisters Robert Holz, der die geplünderte und zerstörte Synagoge mit Eigenmitteln renoviert und restauriert hat. Die Gäste waren sehr beeindruckt von dieser Eigeninitiative des Bopparder Optikers, der mit viel Sachverstand und Geduld dort ein Stück jüdischer Geschichte am Mittelrhein bewahrt und präsentiert. Anschließend besuchten die Gäste die Bopparder St. Severus-Kirche.

Am Mittwoch empfing die Koblenzer Kulturdezernentin Margit Theis-Scholz in Vertretung des verhinderten Oberbürgermeisters David Langner die Gäste im Weindorf. Am Donnerstagabend gab es die auch schon traditionelle „Weinprobe“ in den Gülser Weinstuben. Am Freitag besuchten Schüler mit der Schulpfarrerin Ruth Stein die Gäste im Hotel Brenner. Nachmittags gab es auf Einladung des Freundschaftskreises Koblenz – Petah Tikva Kaffee und Kuchen. Der Heimatbesuch, der von der künftigen Geschäftsführerin der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, Frau Rademacher-Braik organisiert war, klang aus mit zwei Gottesdiensten in der Koblenzer Synagoge am Freitagabend und am Samstagmorgen.

Es war wieder ein schöner und wichtiger Heimatbesuch. Er zeigte allen, Besuchern und Besuchten, was wir alle durch die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten verloren haben. Heimat, Angehörige, Sicherheit, Vertrauen, Eigentum einerseits und Nachbarn, Menschlichkeit, Frieden andererseits. Besucher und Besuchte waren sich einig: Das darf nie wieder geschehen; dafür müssen wir arbeiten und auch kämpfen. Denn die Zeiten sind noch schwieriger geworden. Die Überlebenden, die Zeugnis für die schlimme Wahrheit und gegen die lügnerischen Fake-News ablegen können, werden immer weniger und ihre Stimme verstummt immer mehr.

„Wir sind die letzten. Fragt uns!“

Deshalb stellten die Heimatbesucher eindringlich fest: „Wir sind die letzten. Fragt uns!“ Immer wieder stellen sie sich auch im hohen Alter als Zeitzeugen zur Verfügung. Schon in dieser Woche ist Werner Appel, der Träger des diesjährigen Pater-Paul-Eisenkopf-Preises, beim Zeitzeugengespräch in Worms, am 10. Oktober folgt ein weiteres Gespräch in der WHU in Vallendar und am 5. November ein drittes bei der Caritas in Mainz. Seine Lebensgeschichte ist schon vor längerem vom Förderverein Mahnmal Koblenz in dessen Dauerausstellung, auf der Homepage des Vereins und in einer einstündigen Dokumentation festgehalten.

In zwei Monaten wird diese Geschichte und auch die seiner beiden Schwestern Ruth und Marlene sowie die ihrer Helfer beim Überleben, die der „stillen Helden“, im Heimatbuch des Landkreises Mayen-Koblenz 2019 erscheinen.

Und Lea Sassoon will ihre Geschichte und die ihrer Familie auch bald erzählen. Auch das ist ein Stück Heimatgeschichte. Denn Lea Sassoon, die 1934 als Berta Levi in Vallendar geboren wurde, stammt aus einer hier alt eingesessenen Familie. Ihr Großvater Hermann Scheye war ein begeisterter Karnevalist. 1902 war er gar Karnevalsprinz von Vallendar. Noch heute erinnert ein Foto des Karnevalsvereins „Die Bemoosten“ Lea Sassoon an diese schöne Zeit. Ihre Mutter Erna hatte ein Textilgeschäft in Bendorf geführt, das nach ihrer Auswanderung 1936 von der Firma Leininger übernommen wurde. Noch heute hat Lea Sassoon Kontakte nach Vallendar und weiß tolle Geschichten von damals und von heute zu erzählen. Man darf schon jetzt auf diese Geschichte und den nächsten Heimatbesuch gespannt sein. – Auf ein Wiedersehen! Lehitraut!

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 22. August 2018, Seite 6 (9 Views)

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