Koblenzer Schängel

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Für eine Anna-Speckhahn-Straße

-von Joachim Hennig-

KOBLENZ. Die letzten Beiträge über die Erinnerung an NS-Opfer beschäftigten sich mit sehr problematischen Straßenbenennungen und dem bisher wenig gelungenen Versuch der Stadt, Straßen auch nach Gegnern der Nazis oder NS-Opfern zu benennen. In den weiteren Folgen sollen Biografien dieser Personen vorgestellt werden. Der Förderverein Mahnmal Koblenz hat bis jetzt 121 solcher Lebensbilder von Einzelpersonen und Familien aus Koblenz und Umgebung erarbeitet. Nicht alle, aber doch einige von ihnen könnten die Namensgeber von Koblenzer Straßen und Plätzen werden.

Eine solche Namensgeberin könnte Anna Speckhahn aus dem Koblenzer Stadtteil Rauental sein. Das Schicksal von Anna Speckhahn war der Anstoß zur Gründung des Fördervereins Mahnmal Koblenz und zur Errichtung des Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz auf dem Reichensperger Platz.

Die Gastwirtsfrau aus dem Rauental wurde am 13. Dezember 1883 als Anna Maria Blank in Langendernbach im heutigen Kreis Limburg-Weilburg geboren. Sie war eines von fünf Kindern eines Steinbruchbesitzers und wuchs in einer durch und durch katholischen Umgebung auf. Mit 27 Jahren heiratete sie den Gastwirt Karl Seibel. 1911 übernahmen beide das Hotel „Kaiserhof“ in Koblenz. Als ihr Ehemann Soldat im Ersten Weltkrieg war, konnte sie das Hotel nicht mehr allein betreiben. Das Ehepaar musste sich kleiner setzen und bewirtschaftete dann das Hotel „Weißes Kreuz“ in (Koblenz-)Ehrenbreitstein. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarben sie das Haus in der Moselweißer Straße 32 und übernahmen dort die Gaststätte „Fort Montalambert“.

Harmonisches Familienleben beendet

Zusammen mit ihren 1917 geborenen Zwillingen hatten sie ein harmonisches Familienleben. Dies wurde aber nach und nach durch den Tod zerstört. Erst starb ein Zwillingskind, dann Anna Speckhahns Mann und dann ihr Vater. Mitte der 1920er Jahre stand sie mit ihrem kleinen Sohn Karl Heinz allein. Sie ließ sich aber nicht entmutigen, war eine gläubige und tätige Katholikin und wegen ihres freundlichen Wesens und ihrer Hilfsbereitschaft allseits geschätzt. Anna heiratete später Franz Speckhahn und betrieb die Gaststätte weiter.

Veränderung durch „Machtergreifung“

Mit der sogenannten Machtergreifung änderte sich viel für Anna Speckhahn. Als Gastwirtin und mit ihrer offenen Art zog sie die Aufmerksamkeit ihrer Gäste und Nachbarn auf sich. Sie war schon bald kein „unbeschriebenes Blatt“ mehr. In dem von der NSDAP-Kreisleitung erstellten „Persönlichkeitsprofil“ verübelte man ihr, unter anderem kein Mitglied der NSDAP zu sein und sich mit Ausreden davor zu drücken. Man vergaß ihr nicht, vor 1933 der NSDAP ablehnend gegenübergestanden zu haben. Anstoß nahm man auch an ihren wiederholten Äußerungen in „staatsfeindlichem Sinne“ sowie an ihrem Umgang, verkehrte doch noch Anfang der 40er Jahre eine Jüdin bei ihr. Wie gefährlich das war, wird daran deutlich, dass neben der Gaststätte die NSDAP-Ortsgruppe ihren Treffpunkt hatte. Erstaunlicherweise blieb dies alles aber noch ohne Folgen. Selbst die Gestapo wunderte sich, dass man kein „gerichtsverwertbares Beweismaterial“ gegen sie hatte.

Das änderte sich 1941, als man einen Brief an ihre in New York lebende Schwester abfing, in dem sie sich über die schlechte Versorgung beschwerte. Eine Anklage wegen versuchten Landesverrats wie auch wegen Heimtücke blieb ihr aber erspart. Der Staatsanwalt beließ es bei einer Verwarnung.

Anna Speckhahn verhaftet

Im Oktober 1943 wurde aber der Milchladen neben der Gaststätte zum „Tatort“. Die Szene war geradezu banal. Beim Einkauf ergab sich ein Geplauder unter Frauen. Man sprach über die Jugend „von heute“. Bald wurde es politisch. Anna Speckhahn meinte, die Jugend werde durch BDM und HJ verdorben, sie solle lieber wieder kirchlicher erzogen werden. Deswegen wurde sie von einer Nachbarin denunziert, von der Gestapo festgenommen und im Karmelitergefängnis in Koblenz in „Schutzhaft“ gehalten. Als ihr Ehemann ihr dort die von ihr vergessene Brille bringen wollte, erhielt er zur Antwort: „Sie braucht keine Brille mehr, sie muss jetzt arbeiten.“

Transport ins Frauen-KZ

Ohne Gerichtsverfahren kam Anna Speckhahn im Dezember 1943 auf „Transport“ ins Frauen-KZ Ravensbrück. Dort erhielt sie die Häftlingsnummer 25.747 und den „roten Winkel“ einer „Politischen“. Sechs Wochen später war Anna Speckhahn tot. Daraufhin erhielt ihr Ehemann Post aus dem KZ, dass ihm gegen Einzahlung von 50 Reichsmark eine Urne mit der Asche seiner Frau übersandt werde. Bald darauf kam die Urne aus dem KZ. Beim Begräbnisamt in der St. Elisabethkirche nahm der Pfarrer die Urne in seine Hände und sagte leise: „Ob das wohl die Frau Speckhahn ist? Nie im Leben!“

Erinnerung an Anna Speckhahn

Die Erinnerung an Anna Speckhahn wird inzwischen wach gehalten. Ihre Lebensgeschichte ist dokumentiert, im Bürgersteig vor der Moselweißer Straße 32 im Rauental ist ein „Stolperstein“ für sie verlegt. Anna Speckhahn, diese gläubige und mutige katholische Frau, hat es „verdient“, dass eine Straße nach ihr benannt wird.

Am besten wäre es, die Friedrich-Syrup-Straße in Anna-Speckhahn-Straße umzubenennen. Damit würde endlich anstelle eines Kriegsverbrechers aus dem fernen Berlin eine Frau „aus dem Volk“, die wegen ihres Glaubens verfolgt und im Konzentrationslager „umgekommen“ ist, an ihrem Wohnort gewürdigt.

Damit diese Umbenennung auch eindrücklich ist, sollte zumindest an dem Schild „Anna-Speckhahn-Straße“ auch ein Zusatzschild angebracht sein: „Anna Speckhahn (1883-1944). Gläubige und mutige Katholikin aus dem Rauental, im Frauen-KZ Ravensbrück umgekommen.“

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 15. August 2018, Seite 6 (78 Views)

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