Koblenzer Schängel

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Dr. Hans Bellinghausen – Ehrung für einen NS-Propagandisten

-von Joachim Hennig-

KOBLENZ. Allmählich hat sich herumgesprochen, dass die Stadt bei manchen Straßenbenennungen sehr daneben gegriffen hat. Noch heute ehrt sie aus der NS-Zeit schwer belastete Personen vor allem der lokalen Zeitgeschichte. Gänzlich unverständlich ist, dass diese Straßennamen keine Relikte aus der NS-Zeit sind (was schlimm genug wäre), sondern erst vor wenigen Jahrzehnten entstanden sind. Einer dieser Missgriffe betrifft die Hans-Bellinghausen-Straße in Koblenz-Neuendorf/Wallersheim.

Der 1887 in Ehrenbreitstein geborene Hans Bellinghausen machte 1907 sein Abitur am Kaiserin Augusta-Gymnasium (heute: Görres-Gymnasium) und schloss 1914 sein Studium mit einer Dissertation über Koblenz ab. 1920 trat er in die Stadtverwaltung Koblenz ein und blieb dort in wechselnden Funktionen bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1952. Von Anfang an schätzte man sein Wissen, sein Engagement und seine Publikationen zur Stadtgeschichte. Er war – und ist es eigentlich bis heute – der maßgebliche Heimatforscher für Koblenz und teilweise auch noch für umliegende Orte.

Einen dementsprechenden Dienstposten hatte er bei der Stadt aber bis 1933 nicht inne. Erst eine von ihm erarbeitete Ausstellung zur Besatzungszeit nach dem I. Weltkrieg und die Machtübernahme der Nazis brachten ihm eine Daueranstellung (1933), die Leitung des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek (1936), die Ernennung zum Beamten (1938) und die auf Lebenszeit (1944).

Mit seiner so genannten national-historischen Ausstellung: „Rheinlands Freiheitskampf gegen Besatzung und Separatismus 1918 – 1935“ machte Bellinghausen seinerzeit Furore. Sie wurde in 60 Städten gezeigt, von ihm mit mehr als 500 Vorträgen und Führungen begleitet und von vielen Hunderttausenden Menschen besichtigt.

Bellinghausen diente den Nazis gutwillig

Auch sonst und immer wieder ließ sich Bellinghausen für die Nazis einspannen bzw. diente sich ihnen willfährig an. Im Sommer 1938 begann er eine Artikelserie im Koblenzer Nationalblatt mit dem Titel „Ausbeuter der Bürgerschaft – Alt-Koblenz und die Judenplage“. In der Gegenwart angekommen stellte er mit Genugtuung fest, dass viele Geschäfte „arisiert“ seien bzw. ihren Betrieb eingestellt hätten, um dann fortzufahren: „Einige Metzger, Händler und kleine jüdische Kaufleute stehen dann noch ganz am Rande dieses geschichtlichen Überblicks über die Bedeutung des Koblenzer Judentums, das auch hier eingesehen hat, dass seine Rolle im Dritten Reich Adolf Hitlers ausgespielt ist.“

Diese Vorhersage „erfüllte“ sich drei Monate später in und nach dem Novemberpogrom am 9./10. November 1938 („Reichspogromnacht“). Dazu veröffentlichte er im „Koblenzer Nationalblatt“ einen Artikel mit der Überschrift: „Koblenzer Juden stets eine Landplage“ und prophezeite diesmal: „1938 wohnten in unserer Stadt noch etwa 800 Juden. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate wird diese Zahl hoffentlich auf ein Nichts zusammenschrumpfen!“ Vorangestellt war diesem Artikel eine Auflistung der in Koblenz noch vorhandenen jüdischen Gewerbebetriebe mit der Überschrift: „Vom 1. Januar 1939 ab keine jüdischen Betriebe mehr! Die jüdischen Geschäftemacher in Koblenz – Sie haben nun gottlob ausgespielt – Blutsauger seit Jahrhunderten.“

Während des Überfalls von Hitler-Deutschland auf Luxemburg, Belgien und Holland und drei Wochen vor der Eroberung von Paris unterstützte Bellinghausen das mit einem großen Zeitungsartikel mit dem Titel: „Das war Frankreichs Kulturpropaganda. Ihre Mittel und Methoden in der Besatzungszeit, den Rhein ‚friedlich zu erobern’.“

Er schrieb auch Aufsätze zur Historie des Moselraums. Unter der Überschrift „Die wehrpolitische Bedeutung des moselländischen Raumes“ hieß es in einem solchen zur französischen Besatzungszeit: „Nicht aber konnte sie den Glauben des deutschen Volkes an die Zukunft vernichten. Umso dankbarer schlugen die Herzen der Rhein- und Moselländer dem Manne entgegen, der das Rheinland von aller Schmach befreite, als er an jenem denkwürdigen 7. März 1936 wieder deutsche Truppen in die alten rheinischen Garnisonen einrücken ließ. Adolf Hitler, der Führer, hat (…) ein unauslöschliches Denkmal der Dankbarkeit in den Herzen aller Rhein- und Moselländer gesetzt.“

Auch hat Bellinghausen einige Aufsätze in den vom Gaupropagandaamt der NSDAP-Gauleitung Koblenz-Trier herausgegebenen „Mitteilungen des Gauringes für nationalsozialistische Propaganda und Volksaufklärung“ veröffentlicht. Über deren Inhalt kann hier nichts gesagt werden, weil die einschlägigen „Mitteilungen“ im Stadtarchiv unauffindbar sind.

Bellinghausen als „Mitläufer“ eingestuft

Nach der Befreiung vom Faschismus wurde Bellinghausen erst (vorübergehend) entlassen und dann interniert. Sein Entnazifizierungsverfahren endete 1949 mit der Einstufung als „Mitläufer“. Trotz allen Wohlwollens musste die Spruchkammer darin feststellen, dass er „mittelbar(?) für die Ideen des Nazismus Propaganda gemacht hat und dadurch die Gewaltherrschaft unterstützt hat“. Sie bescheinigte ihm aber Charakterschwäche und – mit dem Hinweis, dass er zum Beispiel in das Zimmer seiner Vorgesetzten nur auf Zehenspitzen einzutreten pflegte – Unterwürfigkeit.

Ist Bellinghausen – so muss man sich fragen – ein Vorbild für uns alle, das die Straßenbenennung nach ihm im Jahr 1971 irgendwie rechtfertigt?

Foto: Stadtarchiv Koblenz, Sig. FA_1-240 - Hans Bellinghausen.

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 27. Juni 2018, Seite 11 (49 Views)

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