Koblenzer Schängel

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„Gutendorf von TuS Neuendorf? Nie gehört!

In welcher Walachei liegt denn das Nest?“

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

In den vergangenen beiden Wochen berichtete Rudi Gutendorf von seinem Engagement beim TSV Marl-Hüls im Jahr 1962. Lesen Sie heute den letzten Teil dieser Geschichte.

In Marl-Hüls beginne ich, an meiner Riegel-Taktik herumzupuzzeln. Die Zuschauer verstehen das System natürlich nicht. Aber wer ist schon an Marl-Hüls und an Gutendorf interessiert? Wer kümmert sich um die ,,Fallobstmannschaft“ des Fußball-Westens, Wiege und Stolz des deutschen Fußballs? Die sind anderes gewohnt! Aber ich glaube von Anfang an fest an mein Riegel-System: Alle verteidigen, alle greifen an. Denn der Riegel ist keineswegs nur eine sture Mauer-Taktik. Die Mannschaft muss sich wie eine Spirale zusammen ziehen, wenn der Gegner kommt. Ist er abgeprallt, gilt es kompromisslos nach vorne zu stürmen. Dieses Aufspringen des Riegels aus der Tiefe einer blockadeartigen Defensive kostet unendlich viel Kraft und erfordert große taktische Disziplin.

„Wer glaubt und warten kann, kriegt alles!“

Anfangs war natürlich das Chaos unvermeidbar. Aber ich verschaffe meinen Spielern durch intensives Training bis an die Schmerzgrenze eine Superkondition. Danach verfeinere ich das Ziehharmonika-System. Es gelingt mir bald, meine Spieler von den Vorteilen der neuen Taktik zu überzeugen. Nicht zu viel nach vorn – hinten eng machen, ist meine Devise. Diese Spielweise wirkt nicht immer elegant, manchmal sogar destruktiv, was sie aber nicht ist. Sie ist effektiv und wirkt auf den Gegner demoralisierend. Jedenfalls hoffte ich das. Aber vorerst habe nur ich den unerhörten Glauben, der Berge versetzen sollte. Ich kann an etwas bedingungslos glauben und Opfer dafür bringen. Wenn ich überzeugt bin, dann verfüge ich über die wertvolle Fähigkeit, auch warten zu können. Mein Großvater sagte mir, als ich noch klein war: „Wer glaubt und warten kann, kriegt alles!“ Aber was ich jetzt brauche, ist ein Sieg, sonst bin ich auch mit Opas Weisheit am Ende. Einem Reporter, der mich fragt, was denn Riegeln eigentlich sei, sage ich: „Riegeln ist, was bei der Nato als Vorwärtsverteidigung umschrieben wird. Safety first, nennt es der Brite, Sicherheit zuerst.“ „Aber das ist doch stupide Defensive“, entgegnet er. „Nein! Spieler, die hinten den Riegel bilden, greifen unerwartet an und kehren blitzschnell in ihre defensive Ausgangsstellung zurück, wo sie wieder auf der Lauer liegen, um spiralartig vorzuschnellen, wenn der Gegner Lücken aufmacht.“ Wie nicht anders zu erwarten, katapultieren wir wie ein Blitz an Tabellenende. Nach dem 1:11-Desaster in Dortmund verlieren wir 0:6 gegen Rot-Weiß Oberhausen und 0:7 bei Weisweilers Viktoria Köln. Gegen Schalke bekommen wir eine 0:8-Packung verpasst. Der 1. FC Köln mit Hans Schäfer in Höchstform und dem blutjungen Overath putzt uns mit 8:1 weg. Unser Treffer resultiert aus einem Eigentor der Kölner.

Ich verbreite weiter Optimismus

Das ist gar keine so schlechte Ausgangsposition, wenn man sie als Trainer übersteht! Nun kann nichts Schlimmeres mehr kommen, sagt man sich, es muss einfach besser werden! Ich verbreite trotz des Tabellenstands von 0:12 Punkten weiter Optimismus. Was soll ich auch sonst verbreiten? Man geht mir aus dem Weg. Alle, außer mir, sind pessimistisch. Pessimisten hasse ich und bin froh, dass sie einen Bogen um mich machen. Ein Berufsoptimist wie ich ist ein Mensch, der fliegen lernt. Ein Pessimist hingegen kauft sich erst mal einen Fallschirm.

In Marl lerne ich fliegen, nämlich in eine ungewisse Trainerzukunft, vielleicht auch zurück aufs Koblenzer Wirtschaftsamt, wo ich vor nicht allzu langer Zeit als kleiner Angestellter monatlich 380 Mark verdient hatte – brutto.

Ich impfe meinen Marl-Hülsern die Zuversicht ein, dass sie bald die fünfte Kolonne der Oberliga-West sein würden, wenn sie unseren Riegel perfekt beherrschen würden. Mein Präsident Jupp Kind hat Vertrauen zu mir und kann, wie ich, warten. Das war entscheidend für mein ganzes Trainerleben. Siebert, Cannellas, Dr. Krohn und Co. hätten mich längst wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, um ihren Kopf zu retten.

Favoritenschreck statt Kanonenfutter

In der Rückrunde kann ich mich bei meinen Spielern bedanken. Ein Wunder geschieht! Hatten wir stets die Kiste vollgehauen bekommen – denn fünf, sechs oder sogar zehn Tore, die wir einfingen, waren zur Norm geworden –, so geraten wir in der zweiten Runde bald positiv in den Blickpunkt. Gegen Dortmund, das uns im Hinspiel deklassiert hat, gewinnen wir diesmal 1:0! Damit können die Medien etwas anfangen und das tun sie dann auch. Welch eine Sensation! Ich bin glücklich. Mit einem Mal sind wir „in“. Aus dem Kanonenfutter der Oberliga ist der Favoritenschreck geworden. Erstmals erscheint mein Foto in den Gazetten. Bisher hat man mich als Lachnummer in Richtung Peinlichkeit gesehen – oder ignoriert. Wir gewinnen hier, wir gewinnen dort, schlagen große Klubs und rücken vollends ins Blickfeld, als wir in einem der letzten Punktspiele auf

Schalke 04 treffen. Schalke benötigt einen Punkt, um in die deutsche Endrunde einzuziehen. Alle sprechen und schreiben von dem Wunder aus Marl-Hüls und dem unbekannten Trainer.

„Gutendorf von TuS Neuendorf? Nie gehört! In welcher Walachei liegt denn das Nest?“ Fritz Szepan, damals Präsident der Schalker, ist vor dem entscheidenden Spiel ganz sicher: „Das ist heute wohl kein Problem,“ sagt er lachend, „mindestens den einen Punkt zu holen, der uns noch fehlt. Schließlich geht es für uns um eine Million Mark. Nur in der Endrunde kommen wir an die dicke Kohle. Die Marler werden uns das bestimmt nicht vermasseln, so blöd sind unsere Spieler nicht, die lassen sich doch nicht die Butter heute vom Brot nehmen.“ Wir spielen erstmals auf einem ausverkauften und total überfüllten Platz in Marl-Drewer. Die meisten Zuschauer, auch viele aus Marl, sind Anhänger Schalkes, dem Glanz und Stolz des Reviers. Auf Tausenden von Fahnen und Spruchbändern wird Schalke als Endrundenteilnehmer schon gefeiert. Aber wir heizen dem großen Gast in Königsblau ganz schön ein. Bis zur 89. Minute steht es 0:0. Den Schalkern würde das Unentschieden reichen, sie haben die Kohle praktisch schon in der Tasche. Sekunden vor Schluss gibt es noch einen Eckball für uns. Mein nach vorn gepreschter, 1,95 Meter großer Stopper Peters erwischt den Ball mit der Stirn, und sein Granatenkopfball-Tor bedeutet für uns den 1:0-Sieg und für Schalke eine geplatzte Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Gawlicek, Schalkes Trainer, und Szepan, der Präsident, brechen beim Abpfiff zusammen und müssen sich gegenseitig stützen. Wieder einmal hat mein Riegel funktioniert und das überraschende Vorpreschen des langen Stoppers bei Eckbällen, wie ich es später mit Rüssmann bei Schalke eintrainiere, hat den Sieg gebracht!

Ich habe Appetit bekommen und glaube mehr denn je an mein System und vor allem an mich selbst. In dieser Zeit gucke ich öfter in den Spiegel als sonst. Ich will jetzt öfter sehen, wie ein junger guter Trainer aussieht.

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 27. Juni 2018, Seite 10 (570 Views)

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