Koblenzer Schängel

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Dr. Friedrich Syrup – Ehrung für einen Kriegsverbrecher?

-von Joachim Hennig-

KOBLENZ. In der heutigen schwierigen Zeit haben die im rheinland-pfälzischen Landtag vertretenen demokratischen Parteien im April ein deutliches Bekenntnis zur Erinnerungskultur abgegeben. Unter dem Titel „Niemals wieder! Gedenkkultur in Rheinland-Pfalz fördern und erhalten“ hat sich der Landtag zu einer aktiven Gedenkkultur bekannt. Er rief auf zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und zur Aufklärung über die menschenverachtende NS-Ideologie, die die Nazis dann in unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit umsetzten.

Zum Glück ist diese Grundhaltung auch heute noch allgemeiner Konsens in Politik und Gesellschaft – bis auf gewisse Randerscheinungen, die auch unbedingt dies bleiben müssen. Das gilt natürlich auch für Koblenz. Trotzdem gibt es ein Problem. Das liegt darin, dass „der Teufel im Detail steckt“ – nicht in den Sonntagsreden, sondern im Alltag. Ein solches Alltagsproblem sind etwa auch die Straßenbenennungen.

Straßenbenennungen in Koblenz ein Problem

Manche Straßennamen in Koblenz sind unerträglich; die Kritik an ihnen nimmt immer mehr zu und kommt von immer mehr Seiten. Jetzt engagiert sich dabei auch die Frauengruppe „SpinnenNetz“. An der Stadt scheint diese vielstimmige massive Kritik abzuprallen. Die Probleme hat man – das ist bequem und verspricht eine schleppende Befassung mit der Angelegenheit – einer Arbeitsgruppe und einem Arbeitskreis „Straßenbenennungen“ anvertraut. Dabei war es gerade der Arbeitskreis, der diese Probleme vor Jahren selbst geschaffen hat. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Kreis über seinen eigenen Schatten springt und eigene Fehler beseitigt – aber vielleicht ist das auch gar nicht gewollt. Unerträglich schon nach der ersten Beschäftigung mit der Vita der Geehrten sind die Straßennamen Friedrich-Syrup-Straße, Hans-Bellinghausen-Straße, Fritz-Michel-Straße und Hanns-Maria-Lux-Straße. Hier und in weiteren Folgen werden diese Namensgeber kurz porträtiert. Im Anschluss daran werden Biografien von NS-Opfern vorgestellt, die die Benennung einer Straße nach ihnen „verdient“ haben. Das zeigt die Abhängigkeit zwischen den zunächst porträtierten NS-Tätern und den NS-Opfern auf: Die Täter nehmen den Opfern auch noch bei der ehrenden Erinnerung den Platz weg.

Werdegang von Dr. Friedrich Syrup

Zu Dr. Friedrich Syrup (1881 - 1945) kann man sich kurz fassen. Denn der Verfasser dieser Zeilen hat im letzten Jahr im Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte eine umfangreiche Biografie über Syrup geschrieben. Da diese in Koblenz und Umgebung aber keinerlei Resonanz fand, sollen hier die wesentlichsten Begebenheiten kurz referiert werden.

Der im Wendland im heutigen Niedersachsen geborene und aus sogenannten kleinen Verhältnissen stammende Syrup schaffte nach Studium, Promotion und Ausbildung den Sprung in die preußische Verwaltung. Mit Können und Fortüne gelang ihm nach dem Ersten Weltkrieg der Wechsel in die Arbeitsverwaltung. Im Jahr 1927 wurde er erster (und einziger) Präsident der neu geschaffenen Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, der Vorgängerin der heutigen Bundesagentur für Arbeit. Syrup machte sich verdient bei der Einführung der Arbeitslosenversicherung und sorgte für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, um die hohe Arbeitslosigkeit zu mindern. In der Agonie der ersten deutschen Demokratie war er unter dem letzten Reichskanzler vor Hitler, Kurt von Schleicher, für knapp zwei Monate Reichsarbeitsminister.

Nach der Machtübernahme Hitlers und seiner Nazis vor 85 Jahren musste Syrup aus politischen Gründen einem Verbündeten Hitlers Platz machen. Er war dann wieder Präsident der Reichsanstalt und von Anfang an ein treuer Diener Hitlers. Binnen weniger Jahre schaffte er die freiwillige Arbeitsvermittlung praktisch ab und organisierte den zwangsweisen Einsatz von Arbeitskräften nach den Interessen und Bedürfnissen des NS-Staates. Im großen Stil führte er die Dienstpflicht ein, schickte allein mehr als 400 000 Männer zur Errichtung des Westwalls und Juden in jüdische Arbeitslager, wie das Lager Friedrichssegen bei Lahnstein. Auch half er mit seiner Arbeitsverwaltung der Gestapo, Tausende Unangepasste als „Arbeitsscheue“ in die Konzentrationslager zu verschleppen.

Seit 1936 arbeitete Syrup unter Leitung von Göring an dem Vierjahresplan, mit dem Hitler Deutschland für den Zweiten Weltkrieg bereit machen wollte. Damit war Syrup einer der Planer des Angriffskriegs gegen Polen und viele weitere Länder. Auch war er einer der Hauptverantwortlichen des „Hungerplans“, aufgrund dessen im „Vernichtungskrieg“ gegen die Sowjetunion 30 Millionen Menschen verhungern sollten. Zuletzt war er Manager der Zwangsarbeit im „Großdeutschen Reich“. Mit der Organisation der Millionen russischen Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit war er aber überfordert und wurde krank. Trotzdem wollte er weitermachen, wurde dann aber von Fritz Sauckel abgelöst.

Syrup starb kurz nach Kriegsende. Sein Chef beim Vierjahresplan Göring und sein Nachfolger beim Einsatz der Zwangsarbeiter Sauckel wurden im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt. Wenige Jahre nach Görings Selbstmord und Sauckels Hinrichtung benannte die Stadt Koblenz eine Straße im Rauental nach Friedrich Syrup. Wie lange – so ist zu fragen – soll dieser unerträgliche Zustand noch andauern?

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 20. Juni 2018, Seite 6 (29 Views)

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