Koblenzer Schängel

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„Nicht jeder, der krumme Beine hat,

kann so gut wie eine Nachtigall singen“

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

1962 übernahm Rudi Gutendorf den TSV Marl-Hüls und musste nebenbei noch Freundschaftsspiele für sein Ex-Team aus Tunesien organisieren, die wenig erfolgreich verliefen. Lesen Sie heute den zweiten Teil dieser Geschichte.

Als ich den gallig-sarkastischen Journalisten und den Vorsitzenden der Klubs erzähle, dass die Tunesier nur auf Hartplätzen spielen und nur je ein Paar Fußballschuhe besäßen, in die man keine Lederstollen einschrauben könnte, schütteln sie den Kopf und gehen. Man lässt mich einfach stehen. Einer murmelt so laut, dass ich es hören kann: „Dummer Quatsch.“ Das schlimmste Debakel beim späteren Weltpokalgewinner Ajax Amsterdam bekomme ich gottseidank nicht mit, da ich am gleichen Spieltag mit dem TSV Marl-Hüls bei meinem Einstand in der Oberliga West in Dortmund gegen die Borussia mit 1:11 baden gehe. Jürgen Schütz und Timo Konietzka toben sich förmlich aus gegen meine Marler Truppe. Sie machen uns total zur Sau. In Amsterdam beziehen meine afrikanischen Schützlinge zum Schluss eine 1:13-Niederlage. Ich stelle damit einen noch heute bestehenden Rekord auf: An einem Tag verliere ich mit meinen beiden Mannschaften 2:24! Ich kann mich begraben lassen. Da sitze ich nun in der Tinte. Ich, der clevere, einfallsreiche Jungtrainer aus dem Morgenland.

Die Neandertaler von zwei Kontinenten

Aber es geht weiter. Das nächste Spiel lauert schon auf mich. Die Paarung lautet: TSV Marl-Hüls gegen US Monastir, meine beiden Mannschaften gegeneinander, als internationales Freundschaftsspiel am Mittwochabend angekündigt. Hätte ich eine Schlagzeile zu entwerfen gehabt, ich wäre nicht um den Text verlegen gewesen: „Die Neandertaler von zwei Kontinenten spielen, Tore garantiert!“ Aber mir ist nach allem nicht zum Lachen zumute. Wie geprügelte Hunde schleichen sie auf den Platz. Ich stehe am Spielfeldrand und habe Angst, die saftigen Früchte meiner versponnenen romantischen Vorstellung vom Erfolgsweg eines jungen, ehrgeizigen Trainers zu ernten.

Wie erwartet, bekomme ich nur ungenießbares Dörrgemüse serviert. Ich weiß gar nicht, zu wem ich halten soll. Immer wenn ein Tor fällt, zucke ich zusammen, weiß nicht, ob ich verbittert dreinschauen oder jubeln soll. 6:2 zur Pause für Marl-Hüls. Ich lasse die Torhüter der beiden Mannschaften austauschen, raffiniert wie ich bin, um dem Spiel einen Trainings-Charakter zu geben. 10:2 am Schluss für Marl-Hüls. Die 800 Zuschauer gehen lachend und kopfschüttelnd nach Hause. Wir haben einen ulkigen Trainer in diesem Jahr, werden sie gesagt haben. Einige kernige Untertagearbeiter meinen weniger fein: „Wir haben ein Arschloch verpflichtet.“ Der Schatzmeister vom TSV macht mit finsterer Miene die 3000 Mark klar, die meine Tunesier als Garantiesumme mitnehmen werden – der gute Mann hat wirklich keinen Grund zu lächeln. Aus den Augen anderer aber, die meine neuen Arbeitgeber sind, schießen Blitze, die Feuerwehren in Alarmbereitschaft versetzt hätten.

Die vier noch ausstehenden Abschlüsse platzen. Niemand mehr will meine fantastischen Exoten sehen. Das Schlimmste aber ist – ich werde regresspflichtig gemacht! Die Anwälte der Klubs schreiben, ich hätte Nationalspieler angekündigt, in Wahrheit aber einen demoralisierten Haufen Afrikaner aus dem Urwald nach Deutschland gelockt, um mich zu bereichern. Die 8000 Mark Minus kann ich nicht zahlen, ich habe sie nicht. Herr Passlack, Generalsekretär vom DFB, der Mitleid mit mir bekommt, gibt mir eine Sondergenehmigung, zwei weitere Spiele auf einem Turnier zu bestreiten. Er schafft es auch, dass die Tunesier kostenlos in Sportschulen logieren und essen konnten. Diese Spiele gegen Amateurmannschaften bringen erstaunlicherweise etwas Geld. Dadurch wird mein Verlust auf knapp 3000 Mark heruntergedrückt. 500 Mark Strafe muss ich später noch dem DFB für den dämlichen Torwarttausch zahlen. Das sei nach der Spielordnung unzulässig gewesen, werde ich schriftlich belehrt – auch das noch, wo ich finanziell auf den Felgen fahre. Ich war bis zum heutigen Tag kuriert, Spiele zu organisieren.

Arbeit als Therapie

Der Anfang der Saison bei meinem neuen Klub war so nervenaufreibend und deprimierend, dass ich Angst hatte, verrückt zu werden. Wie ich mich durchboxte und konzentriert habe, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich arbeitete als Therapie wie ein Tier. Aber alles nutzte nichts. Vorerst hagelten weitere Schicksalsschläge auf mich ein in Form von „gigantischen Packungen“. Meine Spieler sind biedere Fußballer, gute Amateure und folgsame Jungs. Einige Ältere tragen anfangs noch ihre Brauereigeschwulste – Bierbäuche – vor sich her, als wären es Orden. Kondition muss gebolzt werden, mehr als bei anderen Klubs, weil alle anderen technisch und taktisch besser sind. Die Skala meiner Motivation ist breit gefächert. Ich versuche es mal mit Jux und sage: „Nicht jeder, der krumme Beine hat, kann so gut wie eine Nachtigall singen.“ Keiner lacht! Oder ich trete einem der faulen Hunde in den Hintern und werfe ihn aus der Mannschaft. Ich arbeite von morgens bis in die Nacht. Kraft- und Ausdauertraining bis zum Umfallen ist das Mittel, an das ich glaube.

Ich jongliere mit rhetorischen Kabinettstücken, um ihnen positives Denken einzuimpfen. Bald kämpfen sie wie verrückt und glauben auch an ihre eigene Stärke. Das leitet den Umschwung ein. Das war die Zeit, in der ich glaubte, ein guter Trainer zu sein. Die Spieler, immer willig und bescheiden, fehlen nicht mehr bei kleineren Blessuren beim Training und mimen nicht den kranken Mann, wenn eine Erkältung im Anflug ist. Nichts ist diesen prächtigen Ruhrpott-Jungs jetzt mehr zu viel. Ganz selten läuft einer mal zum Arzt, und dann ist es bestimmt ein dringender Fall – ein Erbe der Väter, die noch mit Arschleder im Kohlestollen rumrutschten.

Der dritte Teil folgt in der nächsten Woche.

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 20. Juni 2018, Seite 5 (408 Views)

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