Westerwaldpost Süd

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Marl ist die supergraue Maus des Fußballs

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

1962 kehrte Rudi Gutendorf von seiner Trainerstation in Tunesien nach Deutschland zurück und übernahm den TSV Marl-Hüls.

Es zog mich wieder in die Heimat, im deutschen Fußball war ich noch ein unbeschriebenes Blatt, als Trainer außerhalb von Rheinland-Pfalz völlig unbekannt. Was ich brauchte, war ein namenloser Verein, eine graue Maus, die ich hochboxen konnte. Eine Mannschaft machen, nichts auf der Welt wollte ich mehr! Der TSV Marl-Hüls war genau richtig, jeder tippte ihn als Tabellenletzten in der Regionalliga West. Er war die supergraue Maus des Ver- tragsfußballs mit den großen Klubnamen. Jupp Kind hieß der Präsident. Sofort gefiel er mir. Ich respektierte ihn mehr als später je einen anderen Präsidenten. Schon nach wenigen Minuten waren wir handelseinig. Ich wurde sein neuer Trainer. Die ,,Marler Zeitung“ schrieb am 21. Juni 1962: „Gute Voraussetzungen bringt Rudi Gutendorf mit. Für ihn sprechen das Alter von 36 Jahren und die Tatsache, dass er die Nase schon in die Welt gesteckt hat. Seine Strebsamkeit und sein Ehrgeiz stehen außer Zweifel. Das beweist die Unterbrechung seiner Schweizer Trainertätigkeit zur Teilnahme am Londoner Trainer-Kursus bei Winterbottom. Dort erwarb Gutendorf, der mehrere Sprachen spricht, auch die englische Trainerlizenz. Der TSV-Vorstand hat vielleicht den glücklichsten aller Griffe getan, indem er diesen namenlosen Trainer verpflichtet hat, der einem etwas leid tun kann, wenn man daran denkt, dass er gegen Borussia Dortmund und Schalke spielen muss.“

Träume von der blonden Prämie

Kaum engagiert, mache ich eine meiner größten Dummheiten. Ich hatte der Mannschaft in Tunis versprochen, sie zu Gastspielen nach Europa einzuladen, sofern sie nicht aus der ersten tunesischen Liga absteigt. Diese Anreizprämie, von mir ganz locker versprochen, sollte ihre Kräfte mobilisieren, damit wir die letzten Spiele um den Abstieg nicht verlieren: „Mädchen gibt es in Deutschland – unverschleiert, groß, blond, die sich in dunkle hübsche Kerle, wie ihr es seid, sofort verlieben.“ Ich wusste, die meisten jungen Araber sind irre scharf auf langbeinige blonde Frauen. Sie waren mein Superanreiz für eine fußballerische Superleistung. Von dem Tage an marschierten meine Spieler wie die Bulldozer, gewannen die meisten Spiele, auch solche, die eigentlich nicht zu gewinnen waren. Wahrscheinlich sahen sie nachts im Traum ihre blonde Prämie, den von mir versprochenen „special bonus“. Was man nicht alles macht als Trainer, um zu gewinnen! Tunesien, Monastir habe ich jetzt vergessen, und das total. Und dann kommt der Anruf von der Tunesischen Botschaft aus Godesberg: „Ihre Mannschaft aus Monastir ist heute morgen in Marseille eingetroffen und erwartet Anweisungen, wo sie hinkommen soll.“ Ich bin wie vom Blitz getroffen, hatte ich doch überhaupt keine Ahnung von ihrem Kommen! Doch dann muss ich einsehen: Das Versprechen eines Deutschen gilt in Tunesien, während man Details wie Planung und Termine eher als kleine Nebensache ansieht. In Monastir weiß natürlich keiner, dass so eine Wettspielreise schwer zu organisieren ist. Man denkt, ich könnte alles fertigbringen, sie sind es gewohnt, dass es Unmögliches für mich nicht gibt. Also erwarten sie von mir freudigen Beifall, weil sie mich so plötzlich überrascht haben. Ich bin geschockt und verzweifelt, dann werde ich zum Arbeitstier ohne Schlaf. Sofort nach jedem Training in Marl rausche ich ab, reise durch ganz Deutschland und suche Gegner für den U.S. Monastir, dem Mitglied der Tunesischen Oberliga und Lieblingsklub des Tunesischen Staatspräsidenten. „Die tunesische Gutendorf-Elf“, so preist man die Mannschaft an.

Nachts sehe ich nur Tunesier

Acht Spielabschlüsse bringe ich unter Dach und Fach. Die Garantiesummen liegen zwischen 1500 und 2500 Mark. Es würde genügen, um die Unkosten zu decken, denke ich „bloody greenhorn“, das ich auf diesem Gebiet bin. Na ja, ich bin jung und habe noch geistige Wachstumsbeschwerden, oder um es mit Bert Brecht zu sagen: „Ich bin noch ein Provisorium, muss erst Sprungweite.“ Mein Sprung ins Spielevermittlergeschäft hatte exorbitante Ausmaße. Ich komme fürchterlich ins Schwimmen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Nachts sehe ich nur Tunesier. Die ersten Spiele in der Schweiz, die ich telefonisch bei meinen ehemaligen Klubs Luzern und Zürich vermittele, verlaufen noch einigermaßen glimpflich, mit 1:2- und 2:3-Niederlagen fangen sie an. Dann gibt es beim FC Pforzheim ein 0:7-Debakel. Das tut weh und bringt eine Lawine ins Rollen. Der Ärger beginnt. Ich kann mich um meine afrikanischen Schützlinge nicht mehr kümmern, ich hatte bei meinem neuen Klub Marl-Hüls alle Hände voll zu tun, wir stehen kurz vor dem Start in die neue Saison. Doch nach dem 7:0 fahre ich trotzdem nachts die 500 Kilometer nach Pforzheim. Moralische Aufrüstung tut not. Da sehe ich die Bescherung und weiß, warum sie so hoch verloren haben. Von meiner ,,Stammelf“, die ich in Monastir trainiert hatte, waren nicht alle mitgekommen. Die algerischen Cracks, die mir als Verstärkung geschickt worden waren, waren nach dem Krieg nach Frankreich zurückgekehrt. Die drei Klassespieler, alles teure Profis, spielen dort wieder für ihre alten Klubs. Alle diese großartigen Spieler sind „ne pas la!“ (nicht da). Um Gottes Willen! Jetzt bekomme ich richtige Angst. Was hatte ich da, in Unwissenheit der veränderten Situation nach dem Tunesisch- Französischen Krieg, der deutschen Presse für Wunderdinge über meine Mannschaft aus Monastir berichtet? „Na, Herr Gutendorf, nun sehen wir, was Ihre großen Erfolge in Nordafrika wert sind!“, begrüßt mich bissig ein badischer Journalist. „Sie betrügen die Leute um ihr Eintrittsgeld, man müsste sie beim DFB anzeigen!“ Soll ich mich aufhängen? Wir müssen noch fünf Spiele bestreiten, um die Kosten zu decken, und ich bin allein verantwortlich. Meine ehemaligen Schützlinge haben keinen Pfennig und immer Hunger. Meine winzigen Ersparnisse hebe ich vorsichtshalber ab.

Die Koblenzer lachen mich aus

In Marl-Hüls habe ich begonnen, das „heilige Feuer“ meiner Truppe anzuzünden, das bei den afrikanischen Schützlingen am verglühen ist. Die Katastrophe nimmt, wie ich vorausgesehen habe, ihren Lauf. Vor dem nächsten Spiel bei TuS Neuendorf, meinem Heimatklub, beschwöre ich wieder – nachts aus Marl nach Koblenz gehetzt – meine Ex-Spieler aus Monastir flehentlich, um alles in der Welt zu kämpfen wie die Löwen!

Die armen Burschen tun, was sie können, aber zum Schluss heißt es 1:10. Zu allem Unglück regnet es auch noch. Meine Jungs aus Afrika haben nur Gumminocken-Schuhe. In Tunesien kennt man keine Stollenschuhe, auf ihren trockenen Hartplätzen sind sie nicht zu verwenden. Sie balancieren wie auf Schmierseife auf dem saftig grünen Rasen auf dem Koblenzer Oberwerth. Mit dem falschen Schuhwerk sehen sie aus wie Clowns, da sie keinen Stand auf dem tiefen Geläuf finden. Die Koblenzer lachen mich aus! Viele gönnen mir die Blamage, Schadenfreude, wohin ich sehe. Was soll ich den erzürnten Journalisten und Vereinsfunktionären sagen? Bei ihnen sehe ich nur das Meuchelmitleid, das erwachsene Kinder oft ihrer schwerkranken alten Erbtante gegenüber empfinden.

Zum ersten Mal wird mir klar, man latscht im Fußballgeschäft nicht ungestraft über die geordneten Gemüsebeete der Spielevermittler. Ich habe der Öffentlichkeit erregende, mitreißende, ja exotische Fußballkunst versprochen. Was Zuschauer und Presse stattdessen zu sehen bekommen, bringt meine gerade beginnende Karriere ins Wanken und mein weniges Erspartes in Gefahr, denn ich hatte großzügig angekündigt, bei etwaigem Verlustgeschäft die Differenz aus eigener Tasche zu begleichen. Ich glaubte, meine Freundschaft mit den Afrikanern sei das wert.

Die Fortsetzung folgt in der nächsten Woche.

Westerwaldpost Süd vom Mittwoch, 13. Juni 2018, Seite 6 (89 Views)

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