Westerwaldpost Nord

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Ein Fan beißt mir nach dem Pokalsieg in den Hintern

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

In den vergangenen Wochen berichtete Rudi Gutendorf, wie er kurz vor Weihnachten 1954 die Zusage für die Trainerstelle beim FC Blue Stars Zürich erhielt. Heute folgt der zweite Teil dieser Geschichte.

Nach der Winterpause mache ich meinen Spielern vor dem ersten Training klar, dass wir eine Super-Kondition brauchen, um aus dem Schlamassel herauszukommen. „Diese Stärke wird uns den Kampfgeist geben, den wir brauchen, uns aus der aussichtslosen Lage herauszukommen. Wir werden ab sofort agieren, nicht mehr nur reagieren, wie ihr das bisher getan habt! Wir werden nicht mehr die Duckmäuser spielen, wir werden auftrumpfen!“

Die ganz jungen Brizzi, Rognoni, Schennach – spätere Nationalspieler – verstehen mich und haben Vertrauen zu mir. Da ich nichts verlange im Training, was ich nicht selbst vormache, komme ich bei ihnen an. Es geschieht ein Wunder – wir gewinnen schon das erste Spiel gegen Ukrania Genf, den Tabellenführer.

Wir sammeln Punkte wie die Eichhörnchen Nüsse

In den nächsten Monaten sammeln wir Punkte wie die Eichhörnchen Nüsse. Wir bestreiten immer die Vorspiele der berühmten Grasshoppers, dem Bombenteam mit Bickel, Vonlanten, Balamann und Hüsy und erreichen mit harter Knochenarbeit den rettenden zwölften Platz in der Schlusstabelle. Das ist mein Gesellenstück als Trainer. Es macht mich stolz. In Neuendorf hatte ich mich nach meinem ersten Spiel vor den Spiegel in der Kleiderschranktür gestellt und aufgeplustert: ,,Ich und Gauchel.“ Diesmal ist kein großer Spiegel da, vor dem ich sagen kann: „Ich und Herberger.“

Den FC Luzern trainiere ich in den Jahren 1955 bis 1960. In meinem Landhäuschen im Westerwald hängt ein Foto aus dieser Zeit, das mich an meinen ersten großen Erfolg meiner Trainerkarriere erinnert. Eine erfolgstrunkene Menge trägt uns auf Schultern vom Platz. An diesem Foto richte ich mich moralisch auf, wenn ich mal wieder die Schattenseite meines Berufs ertragen muss. Der Vorstand des Vereins hatte mich aus Zürich geholt, weil ihm meine dynamische Trainerarbeit gefiel, und schon im zweiten Jahr war mir mit dem FC Luzern der Wiederaufstieg in die höchste Klasse gelungen. Auch in Luzern war ich nicht nur Trainer, sondern zugleich Spieler.

An Jupp Gauchel in Neuendorf hatte ich erlebt, wie man mit dieser zweifachen Aufgabe am Ende scheitern kann. Gauchel konnte zwischen beiden Funktionen nicht trennen. Auch als Spieler auf dem Platz wollte er der distanzierte Vorgesetzte sein, dem die anderen zu gehorchen haben. Das war mir ein warnendes Beispiel. Wann immer ich in den Farben des FC Luzern auflief, integrierte ich mich vollständig in die Mannschaft und in den laufenden Spielzug als ganz normaler Spieler. Ich verlangte nicht, wie das Gauchel jedem zur Pflicht gemacht hat, das Spiel auf mich zuzuschneiden. Als Spieler forderte ich nicht mehr als präzises Zusammenspiel und taktische Disziplin, als Trainer hingegen Gehorsam und Respekt.

Zur Autorität des Trainers Rudi Gutendorf trug sicherlich bei, dass dem Spieler Gutendorf manches spektakuläre Tor gelang. Einmal berichtete die Luzerner Zeitung: „Vor 8500 Zuschauern schlug gestern der FC Luzern den Herbstmeister Biel sicher 3:1. Spektakulär war der unheimliche Bombenschuss von Trainer Gutendorf, der, haargenau unter das linke Lattenkreuz gezielt, den guten Bieler Torwart Jucker zum zweiten Mal schlug. Ein selten schönes Tor! Gutendorf erzielte alle drei Goals und damit den seltenen Hattrick.”

So schmerzhaft kann ein Triumph sein

Der sportliche Erfolg hat mich bestätigt. Am 8. Mai 1960 schwimmt ganz Luzern in einer Woge des Fußball-Glücks. Gerade haben meine Luzerner Spieler das Schweizer Pokalfinale gewonnen, ausgerechnet im Berner Wankdorfstadion, wo Deutschland sechs Jahre zuvor Weltmeister geworden war. Und ich, der namenlose Rudi Gutendorf aus Koblenz-Neuendorf, bin ihr Trainer, den die Presse den „Vater des Erfolgs“ nennt. Nach dem Schlusspfiff stürmen die Zuschauer begeistert das Spielfeld, unter ihnen auch ein 68-jähriger Schlossermeister, der den weiten Weg von Luzern nach Bern zu Fuß gelaufen ist – solch ein Riesenereignis ist das Finale für die kleine Stadt. Bei unserer Rückkehr aus Bern empfangen uns Alphornbläser, Jodlergruppen und 20 000 Luzerner mit Kuhglockengeläut. Spieler und Trainer werden auf Schultern durch die Stadt getragen vom Bahnhof über die Seebrücke bis zum Löwendenkmal. Auf dem erwähnten Foto habe ich den Mund weit aufgerissen, wie einer, der vor Glück durchgedreht ist. Für den Betrachter schreie ich den grenzenlosen Jubel meiner Seele in den strahlend blauen Schweizer Sommerhimmel. Dabei brülle ich wie am Spieß vor nicht mehr auszuhaltenden Schmerzen. Ein durchgeknallter Fan unter mir hat Gefallen an meinem Allerwertesten gefunden und in voller Begeisterung reingebissen. Ich habe keine Hand frei: Mit der einen stemme ich den schweren Pokal, mit der anderen stütze ich mich auf den Schultern ab und der Dreckskerl reagiert sich voll ab! Die Leute rings um mich herum halten meine Schreie für den Ausdruck des Triumphes. Die Wahrheit ist: Ich habe eine tiefe Bisswunde, die mit acht Stichen genäht werden muss. So schmerzhaft kann ein Triumph sein.

Westerwaldpost Nord vom Mittwoch, 30. Mai 2018, Seite 11 (182 Views)

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