Westerwaldpost Nord

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„Dem blutigen Durchfall verdanke ich mein Leben“

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

In den vergangenen Wochen blickte Rudi Gutendorf auf seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg zurück. Lesen Sie heute die Fortsetzung dieser Geschichte.

.Der einzige Höhepunkt während der Kriegsgefangenschaft in Frankreich: Rudi Schönbeck, der in Berlin bei Preußen als Tormann spielte, ist mein Zeltnachbar. Er organisiert zwei brauchbar nachgeschliffene rostige Rasierklingen. Mit denen mähen wir den Rasen des Wachpersonals vor den Holzbaracken. Jubel, wenn wir ab und an ein paar fette Klee- oder Löwenzahnblätter dabeihaben. Damit kochen wir uns ein Zweigang-Essen: Gemüsesuppe, danach Rasenspinat. Während der Mahlzeit tauschen wir Esserlebnisse über unsere Leibspeisen aus, die unsere Mütter an Feiertagen für uns gekocht hatten. Riesengroß ist der Schatz unserer Erinnerung nicht, wir haben nur die Erfahrungen einer Hitler- und Hungerjugend mit Milchreis und Steckrüben anzubieten.

Das Reich der Schokolade

Ich verbringe oft Stunden am Ostzaun, der unser Lager zum eigentlichen Stammlager hin abgrenzt. Dieses hat eine besondere Umzäunung. Die Gasse zwischen den Zäunen beträgt einige Meter, so dass Posten bequem zwischen den Absperrungen patrouillieren können. Die Stammmannschaft besteht aus deutschen Kommunisten und Anti-Nazis, die Köche und Küchenburschen. Wie oft stehe ich da und rieche die Gerüche der Küche, bestaune die Konservenberge, Mehl- und Zuckersäcke. Welch kurze Distanz zwischen meinem fürchterlichen Hunger und dem Reich der Schokolade, des Brots und der Speckseiten! Die Leute schwimmen in Verpflegung. Man hätte mit ihren Beständen die ganze Länge und Breite der Gasse, die uns trennte, zuschütten können. Eine Verpflegungsbrücke sozusagen, auf der man hin- und herspazieren könnte und sich nur zu bücken brauchte, um Kartoffeln, Zucker und Fleisch zu pflücken, wie Gänseblümchen von der Wiese. Diese Vorstellung wird bei mir oft so plastisch, dass ich die Hände in den Zaun krampfe und würgen muss.

Einer jener Glücklichen, die das Schicksal zum Küchendienst begnadigt hat, hat mich wohl öfter beobachtet und spricht mich über zwei Zäune hinweg an. Wahrscheinlich sehe ich so erbärmlich aus, dass er Mitleid mit mir hat. Er zeigt mir im Vorübergehen einen Riegel Schokolade. Das Ding hat nicht etwa den Geschmackswert einer heutigen Schleckerei, aber für mich bedeutet diese Schokolade Leben, sie wäre ein Rettungsanker, wenn ich ihn hätte! Für den Mann, er heißt Walter Schamberger, der mir dieses Lebenselixier zuwerfen will, bedeutet die Aktion größtes Risiko. Würde er erwischt, würde er aus der Küche geprügelt werden und hätte im tiefsten Schacht des Kohlenabbaus verkommen können. Doch der Küchenbulle hat Mut, er erklimmt einen Stapel Kisten. Als er für einen Augenblick unsichtbar für den Bewacher auf dem Wachturm ist, holt er blitzschnell aus und wirft. Die Wurfbahn ist gut. Der Riegel übersteigt ganz flach die Zaunköpfe, überquert die Gasse, prallt dann an einem Zinken der Stacheldrahtrolle, die unseren Zaun wie ein Mauerkranz umgibt, ab. Der Stacheldraht wippt, kaum merklich, nur so viel, als hätte ihn ein Spatz berührt. Er wippt und schnippt die Schokolade zurück in die Gasse, wo sie einige Meter von mir entfernt liegen bleibt. Unerreichbar wie ein Stern liegt sie im lehmigen Dreck. Millimeter hatten gefehlt, um mich reich zu machen. Hunger und Gier, Hoffnung und Sehnsucht, meine ich. Ich merke nicht, dass ich meinen Mittelfinger in einen Stachel des Drahtes bohre. Ich mache den Herrgott für dieses Unglück verantwortlich und beleidige ihn unflätig. Seit dieser Zeit ist es nicht mehr weit her mit meinem Glauben an Gottes Barmherzigkeit.

Schwere Erkrankung

Ich erkranke schwer. Wochenlanger blutiger Durchfall mit krampfartigen Schmerzen lassen mich auf mein beschissenes Ende warten. Apathisch liege ich im Zelt, mehr tot als lebendig. War es so ähnlich in den deutschen KZs? Medikamente erhalte ich nicht. Nachts sehe ich regelmäßig den Wurf, den Flug und die Landung der Schokolade in der für mich unerreichbaren Zone. Nie mehr werde ich dieses Bild loswerden. Als ich bewusstlos werde, transportiert man mich ab. Dem wochenlangen, blutigen Durchfall verdanke ich wahrscheinlich mein Leben. In diesem Lager wäre ich abgekratzt, doch alle todkranken “POWS” (prisoner of war) werden an die Amis zurück übergeben. Die amerikanische Führung hatte Gewissensbisse bekommen, als ihr bekannt geworden war, wie es den Gefangenen erging, die sie gesund an die Franzosen übergeben hatten. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Feldlazarett, wo ich täglich Blut- und Plasma-Infusionen erhalte, finde ich mich in einem Massenlager wieder. Wir bekommen täglich eine kräftige warme Suppe und 250 g Weißbrot. Mit 18 übersteht man fast alles und vergisst vieles, auch die Schmach, die mir die Franzosen zugefügt haben.

Da ich keine politische Vergangenheit habe und meine Heimatadresse angeben kann, die im Westen Deutschlands und nicht in der Ostzone liegt, werde ich entlassen. Man bringt uns auf Lastwagen zuerst nach Göppingen. Von dort aus geht es heim, jeder für sich. Gibt es noch ein Heim? Seit einem Jahr habe ich keine Verbindung mehr mit meinen Eltern gehabt.

In der nächsten Woche lesen Sie, wie Rudi nach Koblenz zurückkehrte.

Westerwaldpost Nord vom Mittwoch, 9. Mai 2018, Seite 5 (112 Views)

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