Rhein-Wied Kurier

Wählen Sie hier das Datum aus, um sich eine Ausgabe von LokalAnzeiger oder AM WOCHENENDE anzusehen

Das E-Paper-Archiv von LokalAnzeiger und AM WOCHENENDE

Wählen Sie hier die Ausgabe, die Sie gerne lesen möchten und bestimmen Sie den Erscheinungstag. Oder stöbern Sie einfach in der Übersicht. Viel Spaß!

 

„Es kann nicht sein, dass Handwerker

und Verbraucher die Zeche zahlen“

Unternehmen sind sauer / Betriebe werfen Politik und Industrie massive Versäumnisse vor

REGION. -hps/svm- Nach dem Urteil des BVerwG in Leipzig hängen mögliche Dieselfahrverbote wie ein Damoklesschwert in der Luft auch wenn sie – nach dem Urteil – für ältere Fahrzeuge erst ab Herbst 2018 möglich sind.

Leidtragende sind besonders mittelständige Unternehmen, Handwerker und andere Dienstleister, die seit Jahren schon auf die bislang als umweltfreundlich geltenden Diesel setzen. Unternehmer, die befürchten, demnächst mit ihren Fahrzeugen nicht mehr in die Innenstädte fahren zu dürfen, sind sauer. So verlangte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) von den Fahrzeugherstellern, die Kosten für Nachrüstungen zu übernehmen. „Wir wollen es nicht bezahlen, das ist ganz sicher“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke dem Handelsblatt. „Der Verursacher dieser Geschichte muss letztlich dafür einstehen.“ Die von der Industrie angebotenen Updates der Motor-Software reichen nicht aus. „Da sind gerade im Handwerk viele Fahrzeuge unterwegs, die kriegen Sie nur im Straßenverkehr gehalten mit einer Nachrüstung der Hardware“, erklärt Schwannecke.

„Wer das (die Fahrzeuge) nicht anständig in den Markt bringt, der muss hinterher auch dafür sorgen, dass es nachher vernünftig funktioniert. Da macht sich die Industrie zu schnell einen schlanken Fuß.“ Wenn ein Handwerker etwa eine Heizung mit zu hohen Abgaswerten einbaue, sei er hinterher auch für die Beseitigung des Fehlers verantwortlich. „Das ist ein allgemeiner Rechtsgrundsatz.“ Auch die mittlerweile angepriesene Alternative „Elektrofahrzeuge“ sei in Wirklichkeit keine. Viele Handwerker-Autos – vom Baustellenfahrzeug bis zum Transporter – sind sehr aufwendig ausgestattet. Elektrotransporter haben bislang weder die entsprechende Reichweite, noch ist die entsprechende Zuladung möglich. Eine technische Umrüstung der Dieselfahrzeuge auf Euro VI ist in den meisten Fällen nicht möglich. Auch Baufahrzeuge wie Kranwagen oder Abschlepper, die für fünf- oder sechsstellige Beträge angeschafft worden sind, sind langlebig und kurzfristig nicht zu ersetzen. Die Betriebe brauchen Planungs- und Investitionssicherheit. EU und die Bundesregierung haben es versäumt, den Automobilherstellern frühzeitig wirksame Emissionsgrenzen und neue Prüfverfahren vorzugeben. Sie sind jetzt gefordert, durch entsprechendes Eingreifen, beispielsweise durch Ausnahmegenehmigungen den Betrieben zu helfen und den Übergang wirtschaftlich vertretbar zu gestalten.

Mobilität ist für das Handwerk grundlegende Voraussetzung für die Erfüllung von Aufträgen und die Erreichbarkeit von Kunden – auch in Städten. Mit der Diskussion um Dieselfahrverbote steht auch die Frage im Raum: Wie sollte das Handwerk dann seinem Versorgungsauftrag in Gebieten nachkommen, für die ein Dieselfahrverbot gilt?

Dazu erklärt Kurt Krautscheid, Präsident der Handwerkskammer Koblenz und selbstständiger Dachdeckermeister aus Neustadt/Wied: „Selbstverständlich setzen Handwerker motorisierte Fahrzeuge ein, die sich an den Gegebenheiten der Aufträge wie auch an den Angeboten der Fahrzeughersteller orientieren. Das gilt insbesondere für alle im Bau- und Ausbauhandwerk aktiven Betriebe (unter anderem Maurer, Dachdecker, Zimmerer, Tischler, Versorgungstechnik, Sanitär-Heizung-Klima, Elektro) und die HwK schätzt die Zahl der betroffenen Fahrzeuge auf mehr als 20 000 im Kammerbezirk.

Material und Personal müssen transportiert werden und auch unser Dachdeckerbetrieb nutzt dafür – wie fast alle Handwerksbetriebe – sparsame Dieselfahrzeuge, die wir im guten Glauben an die Umwelttauglichkeit der Motoren erst in den letzten Jahren angeschafft haben. Bis vor Kurzem galt das ja sogar als vernünftig und zeitgemäß!

Die Vorstellung, diese Transportmittel müssen künftig an der Stadtgrenze stehen bleiben und wir laden um, ist natürlich völlig realitätsfremd. Worauf sollten wir auch umladen? Selbst wenn wir den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen könnten – mit Werkzeug und Material! – wird das Problem nicht gelöst. Auch Busse fahren in Deutschland größtenteils mit Dieselkraftstoff, wie auch Versorgungs-Lkw oder Taxis. Würde man also ein generelles Dieselverbot für die Innenstädte aussprechen, bricht unsere Infrastruktur zusammen. Insofern müssen hier andere Lösungsansätze verfolgt werden, um die Luftbelastung zu verringern.

Fahrverbote sind grundsätzlich der falsche Weg. Das Handwerk lehnt sie entschieden ab und appelliert an die Kommunen und Städte, alles zu tun, um sie zu vermeiden. Das aktuelle Urteil, Fahrverbote grundsätzlich zu ermöglichen, ist keinesfalls ein Freifahrtschein, um in ganz Deutschland Dieselfahrzeuge aus den Städten auszuschließen. Fahrverbote sind nicht alternativlos! Es gibt zahlreiche Maßnahmen und Lösungswege, mit denen sich Schadstoffe spürbar reduzieren lassen. Diese Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden. Mit intensiven Anstrengungen aller Beteiligten ist es in den meisten Städten möglich, die Grenzwerte in absehbarer Zeit zu unterschreiten. Das Handwerk wird sich an diesen Anstrengungen weiter aktiv beteiligen.

Es ist aus unserer Sicht richtig, dass das Bundesverwaltungsgericht anmahnt, die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes von Fahrverboten zu prüfen. Fahrverbote sind massive Eingriffe in Eigentumsrechte, in die Mobilität und in die Freiheit beruflicher Betätigung. Es ist nicht einzusehen, dass unsere Handwerksbetriebe über enteignungsgleiche Fahrverbote für die Fehler von Herstellern und Politik haftbar gemacht werden. Verursacher des Dieselproblems sind die Autohersteller, nicht wir Handwerker. Wir sehen deshalb in erster Linie die Autohersteller in der Pflicht, über Softwareupdates hinausgehend endlich auch technische Nachrüstungen vorzunehmen und als Verursacher der Misere dafür die Kosten zu tragen. Auch wir Handwerker müssen für mangelhafte Leistungen selber gerade stehen. Es kann nicht sein, dass Handwerker und Verbraucher die Zeche zahlen. Die Politik muss für diese Nachrüstungen den entsprechenden gesetzlichen Rahmen schaffen.“

Rhein-Wied Kurier vom Mittwoch, 28. März 2018, Seite 3 (24 Views)

ZURÜCK ZUR SEITE

 

<   März   >
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31