Rhein-Wied Kurier

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Rudis erstes Spiel bei TuS Neuendorf

Geboren wurde er in Koblenz-Neuendorf, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

In den vergangenen vier Wochen blickte Rudi Gutendorf auf seine Kindheit und Jugend in Neuendorf zurück. Lesen Sie heute die Fortsetzung dieser Geschichte.

Es ist ein regenverhangener Tag – nicht das Wetter, das man sich für eine Premiere bei der TuS Neuendorf wünscht. Aber das Stadion füllt sich dennoch mächtig, denn der Gegner, der nach Koblenz kommt, ist jemand. Immer wieder werden dem Vorstand neue Besucherrekordzahlen gemeldet. Ich bin als Erster im Mannschaftsraum, um mich umzuziehen, kann es gar nicht erwarten loszulegen. Innerlich scharre ich mit den Hufen wie ein Rennpferd. Unsere Kabine füllt sich schubweise. Es ist erstaunlich zu sehen, wie viele Menschen sich vor einem bedeutenden Spiel in der Kabine aufhalten: Freunde der Spieler, einflussreiche Gönner, wichtigtuerische Funktionäre, Reporter, Fotografen – sie alle wuseln durcheinander, erteilen den nervösen Spielern letzte ,,Ratschläge“ und reden dummes Zeug. Dieser ganze Rummel macht mich fahrig und Gauchel sieht es. ,,Alle raus jetzt!“, schreit er. ,,Schnür dir die Schuhriemen fester“, sagt er zu mir. Ich bücke mich, und mit gespreizten Fingern fährt er mir durch die Haare. ,,Wird regnen heute. Jung, hau den Ball net zu lang, er kriegt zu viel Fahrt und klitscht ins Aus.“ Damit kann ich etwas anfangen. Ich merke es mir.

Meine Nerven beruhigen sich.

Durchfall kurz vor dem Anpfiff

Als wir zum Einlaufen rausgepfiffen werden, hämmere ich mir ein, dass dieses Spiel der Beginn von etwas ganz Großem werden muss. Ich will mir nicht vorwerfen, schon beim ersten Spiel versagt zu haben. Ich will voll hinlangen heute! Ich will es so sehr, dass es mir die Gedärme zerfrisst. Ich renne noch schnell zur Toilette. Ich habe von einer Minute auf die andere plötzlich Durchfall.

Als ich von der Toilette komme, steht Pitt Schneider, unser HJ-Bannführer, in voller Montur vor mir. Ich hasse ihn. Bei einer Musterung in der Schule war ich von ihm wie alle Klassenkameraden, die über 1,80 Meter waren, für die SS vorgemerkt worden. Ich habe ihm damals gesagt: „Ich möchte zum Traditionsregiment meines Vaters bei der Wehrmacht.“ Mein Vater hatte mir diese Weisung gegeben. Daraufhin hat er mir mit einer gerollten Zeitung, die er in der Hand hielt, auf den Kopf geschlagen und mich angeschrien: „Du Judenjunge.“ Welch eine Beleidigung, 1942! Er wusste, dass mein Onkel Jean mit einer Jüdin verheiratet ist. In Nazi-Augen war das eine ,,Rassenschande“. Den Judenjungen hat er heute vergessen. Er drückt mir die Hand und sagt: ,,Zäh wie Leder heute kämpfen und rennen, Gutendorf! Flink wie ein Windhund und hart wie Kruppstahl.“ Diese drei Forderungen allerdings gefallen mir. Sie sind das einzige, was ich von den Nazis gern übernehme. Plötzlich bin ich für Pitt Schneider interessant geworden. Als Naziführer des Gaues Moselland ist er erpicht darauf, dass ein Koblenzer Klub Gaumeister wird, und nicht ein Luxemburger, obwohl Luxemburg ebenfalls zu seinem Gau Moselland gehört.

Entscheidendes Spiel um die Meisterschaft

Wir haben dank des besseren Torverhältnisses noch vor der Eintracht Kreuznach, bei der die Nationalspieler Jupp Rasselberg und Heinz Homann spielen, die Spitze der Ostgruppe des Gaues Moselland erreicht. Heute findet das entscheidende Spiel um die Gaumeisterschaft gegen den luxemburgischen Meister statt. Schieds- und Linienrichter laufen los, Gauchel hinterher. Beifall der Koblenzer im vollen Stadion. Ich weiß, dass meine Familie irgendwo sitzt. Sogar Mutter ist zum ersten Mal auf einem Fußballplatz – sie wird einfach mitgeschleppt. Vater wird am nervösesten sein. Ich werde meine Gegner nicht ummähen oder von hinten treten, aber es wird mir heute nichts ausmachen, über ein paar Rücken zu laufen. Ich werde mich zerreißen. Zunächst nervöses Gefummel im Mittelfeld. Dann mein erster Ball, einer von der Sorte, die ich mir gerne erlaufe, wenn der Ball lang in den freien Raum gespielt wird. Aber heute ist alles anders. Ich werde schon beim ersten Zweikampf an der Außenlinie so unfair von zwei luxemburgischen Verteidigern in die Zange genommen, dass ich auf die Aschenbahn flattere. Meine Handteller und meine Knien bluten. Die Laufbahn aus gemeiner rauer Asche wird zum Schmirgel für meine Haut. Der Schmerz ist brennend. Ich werde nervös und bin verunsichert. Die Absicht der Abwehrspieler ist klar: Man will mir, dem Milchgesicht, sofort den Schneid abkaufen. Hart wie Leder, geht es mir durch den Kopf. Aber meine Haut ist kein Leder, sie ist dünn und blutet.

Ich werde noch nervöser, renne viel zu viel. Keiner meiner Mitspieler kann mich orten, keiner kann mich anspielen, weil ich überall und nirgends bin. Im Übereifer spiele ich wie ein Geisteskranker und hetze kreuz und quer über den Rasen. Unser Spiel geht an mir vorbei. Ich renne immer weiter, wie eine zu stramm gezogene Feder, pumpe mich selbst total aus. Halbzeit. Keine Kritik, obwohl ich darauf warte, dass ich von Gauchel zur Sau gemacht werde. Ich warte auf sein Donnerwetter, denn ich selbst finde mein Spiel zum Kotzen. Es wäre für mich eine Erlösung, wenn er mich jetzt anbrüllen würde. Ich setze mich in den Duschraum, Ellenbogen auf die Knie, Gesicht in die brennenden Handteller, versuche aufzutanken und mich zu konzentrieren. Doch das gelingt mir nicht. Den Rest der Halbzeit halte ich meinen Kopf unter den Kran – das kalte Wasser tut gut.

Wie es in der zweiten Halbzeit weiter ging, lesen Sie in der nächsten Woche.

Rhein-Wied Kurier vom Mittwoch, 28. März 2018, Seite 12 (202 Views)

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