Koblenzer Schängel

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Rudi lässt die Spieler um fünf Uhr morgens antraben

Geboren wurde er in Koblenz-Moselweiß, als Fußballer machte er sich bei TuS Neuendorf seinen Namen, ehe es ihn in die große weite Welt verschlug: Kulttrainer Rudi Gutendorf steht mit 54 Trainerstationen im Guinness-Buch der Weltrekorde. Was er in diesem Zeitraum erlebt hat, lässt er im LokalAnzeiger Revue passieren.

Nach seiner Station als Nationaltrainer der Bermudas kehrte Rudi Gutendorf 1968 in die Bundesliga zurück und übernahm den FC Schalke 04.

Wie ein Kind hatte ich mich gefreut. Da lag die Offerte meines Lebens: Trainer bei Schalke 04! Schalke war mein Jugendtraum, mein Vereinsideal. Schalke – das war für mich so viel wie die Unvollendete von Schubert: Ich wollte sie vollenden. Und ich wollte neue Markierungen setzen. Königsblau war schon immer meine Lieblingsfarbe.

Der FC Schalke 04 ist im Leben der Stadt Gelsenkirchen ein beherrschender Faktor. In der Wirtschaft, in der Kommunal- und Parteipolitik: Wer Schalke im Kreuz hat, der ist immer Liebling der 184 000 Menschen, die im Norden Gelsenkirchens wohnen, die von sich behaupten dürfen, echte Schalker zu sein.

Fußball in Schalke wird mit anderen Maßstäben gemessen. Es ist Paradies und Hölle zugleich. Im Kampf um die Macht werden die Skandale angezettelt, liefert der eine den anderen ans Messer, wäscht aber auch die eine Hand die andere und weiß wiederum die rechte Hand nicht, was die linke tut. Friedel Rausch, damals mein linker Verteidiger, sagte mal: ‚„Hier ist doch immer Zoff, mit der Rechten reicht dir einer ein Bier. Mit der Linken haut er dir einen Schlagring unter den Wanst.“

Schalke 04 ist eine Weltanschauung

Trainer beim FC Schalke 04 zu sein — viele sehen darin die höchste Berufung. Denn Schalke 04 ist kein Fußballklub im landläufigen Sinne. Nein – viel, viel mehr. Schalke 04 ist unvergleichbar, eine Weltanschauung. Letztlich ist Schalke eine Religion, nicht nur für die Menschen, die zwischen Gelsenkirchen-Buer und Gelsenkirchen-Mitte die stickige, beißende Luft atmen. Schalke hat „seine Schalker“ im Bayerischen Wald, auf Sylt, in der Lüneburger Heide, am Bodensee oder in Ostfriesland. Kurzum: überall.

Da muss mann niemanden erklären, was Abseits bedeutet. An den Tresen rund um den Schalker Markt, wo die Würfelbecher in kräftigen schwieligen Händen kreisen und Korn und Pils zum täglichen Brot gehören, kennen acht von zehn Männern die Schuhgröße, Haarfarbe und – wenn's bitteschön gewünscht ist – auch den Brustumfang ihrer kickenden Stars. Fußball im Kohlenpott ist Lebenselixier.

Schaffst du es als Trainer, die Schalker siegen zu lassen – sie feiern dich wie einen König. Schaffst du es nicht – du spürst es sofort. In der derben Sprache des Reviers sagen dir die Fans, was sie von dir denken.

Die alten Trikots werden feierlich verbrannt

Ich will es den Schalkern beweisen – um jeden Preis. Meine Starkicker schauen nicht schlecht, als ich ihnen ein vollkommen neues Trainingsgefühl vermittele. Als Erstes lasse ich die alten Trikots, mit denen sie so oft verloren haben, feierlich verbrennen. „Da steckt die Pest drin“, erläutere ich die Desinfektion. Danach folgt für meine Spieler eine weitere Überraschung: „Männer“, sage ich, „wir sehen uns morgen früh um fünf Uhr. Umgezogen, hier in der Glückauf-Kampfbahn.“

Im Winter wird es in Gelsenkirchen erst um 10 Uhr richtig hell. Oft liegt der Smog wie Suppe über der Stadt. Früh am Morgen ist es hier noch ungemütlicher als anderswo. Würden die Schalker Stars sich das antun? Ich gehe ein unklares Risiko ein. Wie stehe ich da, wenn sie sagen: „Lass doch den Spinner alleine laufen.“ Meine Autorität wäre im Eimer. Die Trainerstation Schalke könnte ich wohl abhaken. Doch ich habe ein ungeheures Selbstvertrauen, und das merken sie.

Punkt fünf sind sie da, schlaftrunken, mürrisch, böse. 22 hoch bezahlte Bundesligaspieler traben morgens um fünf durch die Straßen von Gelsenkirchen. Vorbei an Bushaltestellen, Zechentoren, über Bürgersteige, Straßenbahnschienen und durch finstere Häuserschluchten. „Mensch, siehste! Malochen müssen die auch, wie wir!“, stellen die Kumpels befriedigt fest und würden am nächsten Spieltag ihren Obolus ohne Bauchgrimmen entrichten.

Ich arbeite wie ein Besessener

Ich arbeite wie ein Besessener, bin morgens eine Stunde vor Trainingsbeginn im Stadion und bleibe hinterher noch dort, um mich um alle möglichen Kleinigkeiten zu kümmern. Oft spreche ich dann mit Kallie Kalwitzki, dem ehemaligen Schalker Nationalspieler, der zusammen mit seiner Frau jetzt für Wäsche und Trikots der Spieler zuständig ist. Ein interessanter Mann, der viel zu erzählen hat und für Schalke lebt.

Schalke war Vorletzter in der Bundesliga, als ich sie in der Winterpause übernahm. Es drohte der Abstieg. Die Mannschaft war keine Mannschaft mehr. ich appellierte an die Einsicht der Spieler, an ihr Ehrgefühl. Gehorsam fordern kann jeder Primitivling, aber um Loyalität bittet der Gentleman – und ich, der Rudi aus Neuendorf.

Die Fortsetzung lesen Sie in der nächsten Ausgabe.

Koblenzer Schängel vom Mittwoch, 10. Januar 2018, Seite 12 (939 Views)

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