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Als Gott im Traum den Butze erschuf

Die AM WOCHENENDE-Serie von Bestseller-Autor Jörg Schmitt-Kilian

Jörg Schmitt-Kilian, Hauptkommissar a.D., wirft einen Blick hinter die Kulissen des polizeilichen Alltags und pendelt dabei geschickt zwischen Realität und der Freiheit schriftstellerischer Ausschmückung. Er beschreibt humorvoll und atmosphärisch dicht Begegnungen aus einer Zeit, in der nicht alles besser, aber vieles „anders“ war.

Nachtdienst auf der Münzwache. Kurz vor vier. Polizeihauptwachtmeister Müller denkt an den Unfall im Frühdienst. Sie waren noch vor der Feuerwehr und dem Rettungsdienst am Unfallort und er konnte mit Kolberg die schwerverletzte Frau in dem demolierten VW-Käfer wiederbeleben. In Gedanken an diesen Einsatz sitzt er nun im Aufenthaltsraum. Atempause. Er war seit 20 Uhr mit Kolberg von einem Einsatz zum nächsten gefahren: Verkehrsunfall, Einbruch, Trunkenheitsfahrt, Blutprobe, Raubüberfall und um drei Uhr noch die Alarmauslösung bei Hettlage. Durchsuchung des Gebäudes. Gott sei Dank Fehlalarm. Ob der da oben weiß, was wir hier unten alles leisten? Mit diesem Gedanken legt Müller den Kopf auf die Tischplatte und ist kurze Zeit später vor Erschöpfung eingenickt. Durch einen Nebelschleier sieht er verschwommen einen Mann mit langen weißen Haaren und Vollbart. Es ist Gott, der ein „Butze-Modell“ erschafft. Nachdem er Adam und Eva aus dem Paradies gejagt hat, will er wohl ein Modell kreieren, das Sündenfälle konsequent verfolgen soll. Die Gerechtigkeit muss siegen. Müller wagt sich näher an den Mann in dem weißen Gewand heranzutreten und fragt: „Warum brauchst du so lange für das Butze-Modell?“

Der „Künstler“ erwidert: „Dieses Modell braucht viel Zeit, denn es muss zahlreiche Kriterien erfüllen. Ein Polizist muss Ausdauer haben, um flüchtige Täter zu verfolgen, mutig sein, durch dunkle Gassen rennen, über Mauern und Wände klettern und manchmal in schwindelerregender Höhe einsturzgefährdete Häuser und verfallene Ruinen betreten. Er muss Geduld haben, stundenlang das Haus eines Verdächtigen observieren, ohne dabei selbst entdeckt zu werden, nach Mitternacht einen Verbrecher festnehmen und schon am nächsten Morgen den Täter dem Richter vorführen und anschließend noch zu einem Gerichtstermin über einen Vorfall vor drei Jahren, an den er sich noch minutiös erinnern soll. Er muss also mental und körperlich eine Topkondition haben und eigentlich braucht dieses Modell eines Polizisten drei Augenpaare.“

Verwirrt blickt Müller in den Spiegel, der plötzlich vor seinem Gesicht baumelt und flüstert: „Sechs Augen . . . – das geht doch gar nicht.“

„Du hast Recht . . .“, antwortet Gott und die Worte klingen wie ein Echo in Müllers Ohren, „ . . . aber eigentlich müsste das Butze-Modell drei Augenpaare haben. Stell dir vor, der Polizist erwischt einen Vergewaltiger auf frischer Tat: ein Augenpaar, damit er durch die ausgebeulte Jacke die Waffe erkennen kann, ein zweites Augenpaar, für die Sicherheit seines Streifenpartners und ein drittes Augenpaar, das die Frau in seinen Armen anblickt und versichert: „Alles wird wieder gut!“, obwohl er weiß, dass das Opfer den brutalen Angriff nie vergessen wird. „Kann das Modell auch denken?“, fragt Müller und denkt gleichzeitig: blöde Frage. „Aber natürlich“, antwortet Gott. „Es kennt fast alle Straftatbestände und Ordnungswidrigkeiten und trifft in Sekundenschnelle Entscheidungen, über deren Rechtmäßigkeit die später mit dem Fall betrauten Juristen in Ruhe und mit viel Zeit diskutieren können, ob der Polizist dazu berechtigt war.“ „Warum hat das Polizistenmodell denn die Träne auf den Wangen?“, will Müller wissen.

„Diese Träne steht symbolisch für ein ganzes Meer voller Tränen, für viele aufgestaute Gefühle, für die Gedanken an im Dienst verletzte und getötete Kollegen, für alle körperlichen Angriffe und Beschimpfungen, für oft falsche Beschuldigungen, für die Frustration, die Wut und den Schmerz, wenn er schrecklichen Dinge sieht und hilflos erkennen muss, dass er nicht alle retten kann. Für die wiederkehrenden Albträume, für viel schlaflose Nächte und für diese Angst, die du selbst in diesem Moment spürst und . . .“

„Müller! Einsatz!“, reißt ihn die Stimme von PHM Knallinger aus dem Traum und das Blut pulsiert in seinen Ohren. Wie von einer Tarantel gestochen springt Müller auf. „Unfall mit mehreren Schwerverletzten auf der Hunsrückhöhenstraße. Auto brennt. Notarzt und Feuerwehr sind schon unterwegs.“ Müller reißt den Fahrzeugschlüssel von dem Holzbrett, PM Mattes hat sich schon die Lederjacke übergezogen, beide laufen zum Streifenwagen, schalten Blaulicht und Martinshorn ein.

Nicht schon wieder, denkt Müller. Er hätte lieber weitergeträumt.


Westerwald-Post Süd AW vom Samstag, 9. Januar 2021, Seite 6